Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.— ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 12.

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Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XX. (Mit Abbildung.)

37. Gesticktes Reliquientuch der Pfarr-
kirche zu Blankenheim (Katal. Nr. 301).
Unter den zum ersten Male ausgestellten
sechsBlankenheimer Rel iquien tüchlein, von
denen zwei in XV, 123-128 dieser Zeitschr. ver-
öffentlicht sind, nimmt das vorliegende hinsicht-
lich des Reichtums der figuralen Stickerei die
erste Stelle ein. Es besteht in einem roten Sam-
metbrokat, dessen Ecken mit den vier bekannten
Wappen, dessen Mitte mit drei Figuren bestickt
ist, einem Priester im Pluviale, der die mit Gold-

licher Lasurtechnik behandelt sind, mit ein-
facher Silberverbrähmung. Das die Mittelfigur,
eigentlich die Reliquie, in weitgeschwungenem
Wurf sehr dekorativ überspannende Spruchband
aus Silberfäden mit weifslichem Überfang und
bläulichem Umschlag hat die goldene Minuskel-
inschrift: de sudario gloriose virginis martc.
Die breite Art, mit der die Mittelfigur ge-
zeichnet ist, mehr schwebend, als stehend, in
verklärtem Ausdruck und mit zierlicher Hand-
bewegung, klingt in den beiden Diakonen wieder,

irams???'

kördeichen eingefafste Leinenreliquie ausbreitet,
und zwei Diakonen, die sie knieend verehren.
Der scharf charakterisierte, porträtartige Kopf des
Priesters ist im Gobelinstich ausgeführt, ebenso
die Hände und Albe; die Aufsenseite des Chor-
mantels zeigt grünliche Goldlasuren, sein Futter
grünen Gobelinstich, sein Besatz schnecken-
förmig aufgenähte Silberkördeichen auf blau
besticktem Grund; die Agraffe besteht in zwei
tafelartigen, goldumränderten Stickereien, Stola
wie Parura in überfangenen Goldfäden. Die
Diakonen, welche die ehrwürdige Reliquie kaum
zu berühren wagen, schwingen mit einer Hand
ein Weihrauchfafs, das ganz in Gold gestickt
»st, wie die über dem Rücken herabhangenden
dicken Quasten der Dalmatiken, die in grün-

und dafs dieses und noch viel mehr durch die
Stickerei zum vollendeten Ausdruck gekommen
ist, beweist schlagend die Höhe, welche die
Nadelmalerei im XV. Jahrh. am Niederrhein er-
reicht hat, der Tafel- und Miniaturmalerei zur
ebenbürtigen Nebenbuhlerin erwachsen, trotz
viel schwierigerer Technik. ■— Dafs sie in dieser
Bedeutung nur selten in die Erscheinung tritt,
hat vornehmlich seinen Grund in der schlechten
Erhaltung fast aller alten Stickereien, die für
den Gebrauch bestimmt waren, und zumeist
nicht für einen so vorübergehenden und so
wenig angreifenden, als die vorliegende, der fast
der volle Reiz der ursprünglichen Frische be-
wahrt geblieben ist, selbst hinsichtlich der ab-
getönten Farben. Schnutgen.
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