Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 2.

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Holzkirchen in Deutschland.

ährend die Römer in Deutschland
Paläste ihrer Grofsen, Tempel ihrer
Götter und Lagerräume ihrer Sol-
daten aus Ziegel oder Haustein
erbauten, zimmerten die Gallier und die
Deutschen ihren Götzen Tempel aus Holz.
Der h. Gallus fand im V. Jahrh. einen grofsen
heidnischen Tempel aus Holz zu Cöln,J) der
h. Otto von Bamberg noch 1124 einen ähn-
lichen zu Stettin.2) Beide Gebäude waren mit
reichem Schnitzwerk ausgestattet. Des letzteren
Wände aber mit stark vortretenden bemalten
Gestalten versehen, die so naturwahr wirkten,
dafs sie zu leben schienen. Die Pommern er-
klärten sich bereit, ihr hochangesehenes Heilig-
tum in ein christliches Gotteshaus umzuwan-
deln, doch wies der h. Otto dieses Anerbieten
als zu gefährlich ab und liefs das Ganze durch
Feuer zerstören. Auch die im Dreieck erbaute,
am Meere liegende Stadt Rethra im Mecklen-
burgischen besafs im XL Jahrh. einen berühmten
Holztempel. Seine Hauptfeiler ruhten auf
Tierhörnern, die Wände trugen nach aufsen
hin geschnitzte Bilder von Göttern und Göttinnen,
das Innere aber umschlofs Standbilder der mit
Helmen und Panzern bekleideten grofsen Götter,
neben denen die Kriegsfahnen des Volkes
aufgestellt waren. Um die Stadt und den
Tempel dehnte sich ein heiiger Hain aus.8)

Bekannt ist der Eifer, womit die Deutschen
heilige Haine und Bäume verehrten und die
Strenge, womit die Glaubensboten gegen hoch-
gehaltene Baumriesen und uralte Wälder vor-
angingen. 4)

Wie die Tempel waren auch die Wohnungen
der alten Einwohner Galliens und Germaniens
aus Baumstämmen, Ästen, Brettern und Fach-

1) Gregor. Tur., Liber vitae patrum 2, Mon. Germ.
SS. rerum Meroving. I, 681.

2) Vita s. Ottonis II, 32 cfr. II, 30, III, 7, Mon.
Germ. SS. XII, 793 s.

8) Thietmari, Chronicon VI, 17, Mon. Germ.
SS. III, 812.

4) Nordhoff »Der Holz-und SteinbauWestfalensc
(Munster, Kegensburg 1873), S. 54 f. S. Eligii Sermo
ad plebem: Arbores, quas sacrivas (sacros) vocant,
succidite pedum similitudines, quas in biviis ponunt,
nen vetate, et ubi inveneritis, igne cremate. Migne,
Patrol. lat. XL, 1173, LXXXVII, 529. Indiculus
superstitionum: De ligneis pedibus vel manibus pa-
gano ritn. Mon. Germ. Leges I, 20.

werk errichtet. Man begnügte sich um so
lieber mit Holzbauten, weil einerseits Wälder
in Überflufs vorhanden, Ziegel oder Hausteine
dagegen nur mit Mühe herbeizuschaffen waren,
die Handwerker aber anderseits besonderes
Geschick in Bearbeitung des Holzes besafsen
und darum den landesüblichen Bauten durch
Schnitzereien den reichsten Schmuck zu verleihen
verstanden, den sie wohl durch Farben hoben.5)
Betont doch selbst der römisch gebildete
Venantius Fortunatus, Bischof von Poitiers,
noch am Ende des VI. Jahrh., die neue Wohnung
eines seiner Freunde sei freilich nur aus Holz
gezimmert, ersetze aber durch Schmuck die
Festigkeit eines Steinbaues.6) Gregor erzählt
sogar, sein Vorgänger auf dem Stuhle von Tours,
Leo sei „ein eifriger Bischof und ein im Holz-
bau erfahrener Mann" gewesen. Immer wieder
wird auf Gregors Bericht hingewiesen, Meroveus,
der Sohn des Königs Chilperich, sei mit der
ihm eben angetrauten Brunehild zu Rouen in
eine dicht bei der Stadtmauer aus Holz erbaute
Martinskirche geflohen. Dann wird daraus ge-
schlossen, die Kirchen bedeutender Städte
seien damals nicht aus Stein gewesen. Als
Holzkirchen nennt Gregor weiterhin eine
kleine Kapelle des Märtyrers Saturnin in einem
Dorfe bei Avignon und die Kirche des h. Sym-
phorian zu Autun.7) Zu seiner Zeit dürften
fast alle Landkirchen und auch einzelne kleinere
Heiligtümer innerhalb der Städte noch von
Holz erbaut gewesen sein.8) Rouen besafs

6) Socrates, Historia eccl. VII. 80, Migne ,Patrol.
graec.' LXVII Gens est barbara Irans Humen Rhenum
sedes habens, eorum qui Burgundiones vocantur. Hi
vitam quietam et a negotiis alienam ducunt, quippe
omnes fere sunt fabri lignarii et ex hac arte
mercedem capientes, semetipsos alunt. Andere Nach-
weise bei Lindenschmit »Handbuch der deutschen
Altertumskunde« I, 499 und 511 f.

6) CarminalX, 15, Mon.Germ Auct. antiqu.IV,219.
Cede parum paries lapidoso structe metallo

artificis merito praefero ligna tibi.
Aethera mole sua tabulata palatia pulsant,

quo neque rima patet, consolidante manu.
Quidquid saxa, sablo, calces, argila tuentur,

singula Silva favens aedificavii opus.
Altior inmitior quadrataque porticus ambit

et sculpturata lusit in arte faber.

7) Historia III, 17; V, 2; Liber in gloria marty-
rum 47, 51, Mon. Germ. 1. 126, 192, 521, 524.

8) Revue historique LXIII (1897) 1 s.
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