Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

Page: 91
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/zchk1903/0061
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
91

1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTUCHE KUNST — Nr. 3.

(12

Die kunsthistorische Ausstellung in Düsseldorf.

XI. (Mit Abbildung.)

26. Elfenbeingruppe als Reliquien-
behälter in architektonischer Silber-
fassung, Domschatz zu Münster.
(Katalog Nr. 546.)
eliquienfiguren des Mittelalters kom-
men häufig, Reliquiengrüppchen sel-
ten vor, zumal aus Elfenbein ge-
. bildete, und ein solches in Silber

montiert, unter ei-
nen silbernen Bal-
dachin gestellt, darf
wohl als grofseMerk-
Würdigkeit bezeich-
net werden. Dafs
sie zugleich von an-
mutigster Form ist,
zeigt die hier bei-
gefügte Abbildung,
zu der zunächst be-
merkt sei, dafs das
Original 27,5 cm
hoch, unten 15 cm
breit, 9,5 cm tief ist.
— Vier sitzende
Löwen tragen die
Streben, welche 4
über Eck gestellten
Pfeilern zur Stütze
dienen als den Trä-
gern des von ihnen
überragten Walm-
daches. Zwischen

dieser ungemein
graziösen, durch
ihre Einfachheit wie

Klarkeit anspre-
chenden Konstruk-
tion entfaltet sich
unten ein oblonges
Elfenbeinkästchen,
welches, auf der
Rückseite und den

Schmalseiten mit Blenden, vorn mit offenen
Arkaden geschmückt, Reliquien bewahrte. Aus
seiner Mitte erhebt sich, von den vier schlanken
Pfeilern eingefafst und dem zierlichen Dach
bekrönt, das aus einem Stück geschnitzte Elfen-
beingrüppchen. Der polygone Sockel desselben
hat vorn offene Arkaden, hinten vier, auf den
Seiten je zwei rundbogige Nischen mit einge-
schnittenen Köpfchen, vor denen je ein auf-

geschlagenes Buch. Darüber thront, auf einem
Piedestal stehend, die sitzende Gottesmutter
mit dem von den Lenden an bekleideten Kind,
welches zu der durch den vorgezogenen Haupt-
schleier zart verdeckten Brust der Mutter greift,
deren Schultern durch das herabfallende Haar,
deren Haupt durch die Krone bedeckt ist. An
ihre Rechte ist die Standfigur der hl. Dorothea

geschmiegt, an ihre
Linke die der hl.
Katharina, zu ihren
Häupten stehen 4
musizierende Engel,
von denen für zwei
ein Mittelturm, für
je einen ein Seiten-
türmchen als Stütze
dient, und daneben
sind noch, in un-
gemein geschickter
Benutzung des El-
fenbeinzahnes, zwei
Engel ausgespart,
je auf eine Säule
gestellt als Flankie-
rung einer mit aus-
geschnittenem
Brustbild ge-
schmückten Mittel-
nische. Dieses dem
Elfenbeinzahne in
bewunderungswür-
diger Ökonomie ab-
gewonnene Grüpp-
chengibtsich durch
die rundlichen Köp-
fe und ihre Kroll-
haare, durch " die
feierliche Bewegung
und den knappen
Faltenwurf als ein
Erzeugnis der west-
fälischen (Soester) Schule aus der ersten Hälfte
des XV. Jahrh. zu erkennen, und aus derselben
Gegend und Zeit stammt die Montierung, die
ein wahrhaftes Musterbild vornehmster künst-
lerischer Lösung ist, elegant, und doch unge-
mein einfach, konstruktiv, und doch durch-
aus im Rahmen der Metalltechnik, in der die
Westfalen um diese Zeit nicht minder tüchtige
Meister waren. Schnutgen.
loading ...