Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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tägliche, Ganzpersönliche? Wer hatte ihn die Wirk-
lichkeit, die Zustände so richtig kennen und schätzen
gelehrt? Und wer in alter und neuer Literatur ihn
also unterwiesen, dafs nicht allein gründliche Kenntnis,
sondern auch Liebe und Begeisterung diesem Unter-
richt entsprossen war? Der gute Mann mochte wollen
oder nicht, seine Aussprüche, ihm selber so gewöhn-
lich und natürlich, weckten die allgemeine Andacht,
er wurde malgre soi, der Mittelpunkt der Tafelrunde.
.Aber Hochwürden", sagte plötzlich der Fürst,
„wie hoch ich Ihre Gaben und Talente schätze, mit
denen Sie uns unterhalten, unterrichtet und bezaubert
haben, ich darf und kann sie doch nicht ansehen
als einzig angeborenes Eigentum, sie scheinen mir
mit der gröfsten Sorgfalt und Treue gepflegt und
entwickelt zu sein; Sie müssen eine aufsei gewöhn-
liche Erziehung genossen, wackeren Lehrmeistern
vieles zu danken haben. Wollen Sie uns darüber
nicht einiges mitteilen?" „Ich würde mich beschämt
fühlen, Majestät-, antwortete der Prälat, „bei diesen
schmeichelhaften Worten, wenn Ihre Einsicht nicht in
die Tiefe gedrungen wäre und den Born entdeckt
hätte, woraus ich schöpfen durfte. Ich darf Ihr Kom
pliment annehmen, nicht für mich, aber für meine hoch-
geschätzten und geliebten Jugendlehrer, die guten
Mönche von .... Ach, sie sind verschwunden,
zerstreut, gestorben. Ich würde vor Wehmut ver-
gehen bei dieser Erinnerung, wäre ich mir nicht be-

wuist, dais es Aufgabe des Menschen ist, am Wer-
denden mitzuwirken und nicht dem Verschwundenen
nachzutrauern." Ach ja, wir errichten Schulen, immer
mehr Schulen, der Unterricht wird allgemein, ein ge-
wisses Kenntnismafs ist jedem erreichbar. Aber
dieser Unterricht ,,en gros" kann nicht anders als
maschinenmäisig sich gestalten. Wie kann ein Lehrer
so und soviel Köpfe vor sich sehend, und nach einem
Jahr dieselbe Anzahl etwas mehr vollgetrichterter
Köpfe einem höheren Kollegen überliefernd, wie kann
er in persönliche Beziehungen zu seinen Schülern
treten, wie soll er das Individuum nach individueller
Anlage behandeln und entwickeln? O seht, die guten
Mönche nahmen aus der Umgegend geweckte Knaben
in ihre Zucht und Obhut; sie traktierten ihre Schüler
nicht blofs auf Grammatik und Syntax, Mathematik
und Naturwissenschaft — sie gönnten ihnen weit
mehr; persönliche Sorge, herzliche Liebe, ihre eigenen
kostbaren Erfahrungen im Verein mit den überlieferten
Hülfsmitteln, Warnungen, Lebensregeln einer langen
Reihe von Vorfahren. Sie statteten sie aus mit dem
Mafsstab des Ewigen, um ihn an das Zeitliche zu
legen, mit der Geschichte der Jahrhunderte, welche
die täglichen Ereignisse verständlich macht, mit gött-
licher Geduld, der Frucht einer Betrachtung, welche
lehrt, das alles Irdische vergänglich ist und vergeht,
aber dafs ein neues, ein reicheres Leben erstehen
wird aus ,,den Ruinen" ! (Schlufs folgt.)

Alfred Tepe.

Bücherschau.

Weltgeschichte der Kunst im Altertum.
Grundrifs von Ludwig von Sybel. Zweite ver-
besserte Auflage. Mit 3 Farbtafeln und 380 Text,
bildern. Marburg 1903, Elwert. (Preis 10 Mk.,
geb. 12 Mk.)
Trotz der zahlreichen Abbildungen, die mit vielem
Geschick ausgesucht und mit Sorgfalt ausgeführt sind,
will der Verfasser keine Beschreibung der Denkmäler
liefern, trotz der vielen Namen, die er anzuführen weifs
und liebt, auch keine Geschichte der Künstler, son-
dern eine Geschichte der Kunst, und zwar in der
Aufeinanderfolge der Epochen, in denen sie ihre Ent-
wicklung gefunden hat, also eine Weltgeschichte der
Kunst; zunächst in der Beschränkung auf das Alter-
tum, welches für ihn mit der Epoche Justinians, also
mit der Sophienkirche schliefst. Diesem Programm
gemäfs werden die Denkmäler auf ihre Ursprungszeit
geprüft und unter diesem Gesichtspunkte zusammen-
gestellt in lebendigem Vortrag, dem Nachklang des
Anschauungsunterrichts, aus dem offenbar das Buch
herausgewachsen ist. — In drei Teile zerfällt es: in die
Zeit des Orients, der Hellenen, der kömer, in je drei
Perioden jeder Teil. Die Grundlagen werden durch
die Stufe des Holzbaues und die erste Epoche des
Monumentalbaues in Chaldäa, Ägypten, Troja etc. ab-
gebildet; die zweite Periode steht bereits unter dem
Zeichen des Weltverkehrs, die dritte zeigt die Orien-
talen (Ägypter, Babylonier, Assyrier) und Hellenen im
Wettbewerb. — Der altertümliche griechische Stil
zeigt sich in der Marmorskulptur und im Steintempel

und endet mit der Perserzeit, um in der zweiten Pe-
riode,-der Epoche des Phidias, des korinthischen Stils,
j des Praxiteles, die grofsen Meister zu zeitigen, im Ab-
schlufs, seit Alexander, die Epoche des Hellenismus.
— Die Zeit der Römer zerfällt in die Periode der
Republik, da die Griechen ausgebeutet wurden, in die
Kaiserzeit von Augustus bis Hadrian und bis in die
Entartungen des Barocks, endlich in die Kunst Kon-
stantins und Justinians, die zum grofsen Teil dem
Christentum dienstbar wurde und dem Byzantinismus
die Wege bahnte. — In grofsen Zügen, aber unter
Verwendung sehr vieler, bis in die neueste Zeit ent-
deckten Details, entrollt der Verfasser sein interessantes
Entwicklungsbild, dank der vollkommenen Beherrschung
des Gegenstandes. H.

Die Kunst der Renaissance in Italien und
im Norden von Wilhelm Lübke, vollständig
neu bearbeitet von Prof. Dr. Max Semrau, ist so-
eben als der III. Band des Grundrisses der Kunst-
geschichte bei Paul Neff (Karl Büchle) in Stuttgart
erschienen. (Preis geb. 12 Mk.)
Ein Blick in denselben rechtfertigt die Vorberei-
tungsfrist von nahezu 3 Jahren, denn das in ihm ver-
arbeitete Material hat hier fast den doppelten Umfang
der XI. Auflage erreicht, so dafs noch ein IV. Band
nötig ist, der mit dem Barockstil einzusetzen hat.
An diesem Wachstum ist in entsprechendem Mafse
die Illustration beteiligt, die 5 farbige Tafeln, 3 Helio-
gravüren und 489 Textabbildungen umfafst, vortreff-
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