Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 8.

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Farbenschmuck am Äufseren des Domes zu Chur.

(Zugleich ein Beitrag zur Baugeschichte des Churer Domes.)
(Mit 2 Abbildungen.)

jährend der Satz, dafs die mittel-
alterliche Polychromie sich nicht
auf das Innere beschränkt, son-
Uj dem auch das Äufsere der Kirchen
in ihren Bereich gezogen hat, für Frankreich
an Viollet-le-Duc1) einen berufenen Vertreter
gefunden hat, ist derselbe für Deutschland
meines Wissens zuerst, und zwar im Jahre
1876, von Karl Schäfer mit Nachdruck be-
tont worden. Von jedem Werke der romani-
schen und gotischen Kunst darf man, so hob
Schäfer hervor, mit hoher Wahrscheinlichkeit
annehmen, dafs es zur Zeit seiner Vollendung
im Schmucke der Farben dastand. „Es gibt",
so sagt er, „eine lange Periode, während wel-
cher es Regel war, kirchliche und profane
Gebäude nicht nur im Innern, sondern auch
im Äufseren zu polychromieren".2) Es waren
hessische und besonders Marburger Bauten,
die Schäfer zum Gegenstande seiner Unter-
suchung gemacht hatte.

Für farbigen Schmuck der Aufsenfassaden
liefern in Westfalen eigenartige Beispiele die
Patrokluskirche zu Soest mit ihren metallum-
kleideten Säulchen und Radspeichen am Turme
und namentlich die Peterskirche dortselbst, an
der, wie ich andernorts dargelegt habe,3) aufser
Malereien und Metall4) auch farbig unterlegte
Glasflüsse zur Anwendung gebracht sind.

*) Viollet-le-Duc »Dictionnaire de l'architec-
ture frangaise«, VII, Artikel Peinture, S. 108: La
peinture decorative ne s'appliquait pas seulement aux
parois des interieurs, eile jouait un röle important ä
l'exterieur des e"difices.

Die von Viollet-le-Duc gegebene Beschreibung
der Malweise, wie sie besonders an den Kathedralen
von Paris, Rheims und Amiens zur Anwendung ge-
kommen ist, läfst dieselbe aber mehr als ein Nach-
zeichnen erkennen, darauf berechnet, die Linien der
Architektur und der Bildnerei schärfer heraustreten
zu lassen. (Eine Übersetzung der Ausführungen Viollet-
le-Duc's bei Fisenne in der in Note 6 angeführten
Abhandlung, Sp. 69 f.)

*) Karl Schäfer „Gotische Wandmalereien in
Marburg". »Deutsche Bauzeitung«, X. Jahrgang, 1876,
S. 324.

*) »Deutsche Bauzeitung« 1887, S. 537.

*) Für die Verwendung von Metall zum Fassaden-
schmuck bietet ein ferneres Beispiel die Kirche zu
Gadebusch (Mecklenburg-Schwerin), wo die Speichen
des Radfensters am Turme aus Bronze hergestellt
lind.

In dieser Zeitschrift ist die Frage der
Aufsenbemalung der Kirchen mehrfach und
trefflich beleuchtet worden. Zuerst durch
v. Fisenne, der unter Voranschickung eines
instruktiven historischen Rückblickes an einer
Reihe von Bauwerken aus der Moselgegend den
ehemaligen farbigen Fassadenschmuck nach-
wies.5) Es folgte Meckel, der die Fisenne-
schen Ausführungen durch den Hinweis auf
eine Anzahl Aufsenmalereien aus der Gegend
des Mittelrheins und des Maingaues bedeut-
sam förderte.6) Und dann führte Beissel den
überraschenden Nachweis, dafs nicht nur der
Turm der Kapelle im Klostergarten von Laach,
sondern auch die Klosterkirche selbst im
Äufseren bemalt gewesen und das System der
Bemalung in den Hauptpartien zudem noch
jetzt deutlich erkennbar sei.7)

Es ist nur ein geringer Beitrag, den ich
hier zur Bemalungsfrage der Kirchenfassaden
biete; aber auf diesem von der Forschung
eben erst gestreiften8) Gebiete, wo Wind und
Wetter, Zeit und Menschenhand mit dem, was
ehedem vorhanden war, gründlich aufgeräumt
haben, sind auch kleinere Funde von Be-
deutung.

Die Baugeschichte des Domes von Chur
ist noch nicht vollständig aufgehellt. Obgleich
glaubwürdiger Überlieferung nach die Kirche
ihren Ursprung bis in das VIII. Jahrh. hinauf-
führt,9) geht die allgemeine Ansicht doch
dahin, dafs der jetzt bestehende Bau zwar in
langsamem Fortgange entstanden, aber in
einem Zuge gebaut sei. Die erste Kunde von
demselben meldet, so sagt Rahn, „dafs 1178
der Chor geweiht worden sei. Es folgte dann
im Jahre 1208 die Konsekration des Kreuz-

B) III. Jahrgang 1890, Sp. 6.r> ff. und 73 ff.

6) IV. Jahrgang 1891, Sp. 187 ff. Nach den von
Marchand jüngst gemachten Feststellungen gehört
hierher auch die Kirche von Oberbreisig. Vergl.
vorigen Jahrgang dieser Zeitschrift, Sp. 329.

7) IV. Jahrgang, 1891, Sp. B5S ff.

8) Es sei z. B. darauf hingewiesen, dafs das hoch-
bedeutsame, monumentale Werk von Dehio-Bezold
über die kirchliche Baukunst des Abendlandes diesen
polychromen Schmuck der Fassaden ganz unberück-
sichtigt läfst.

•) Vergl. Effmann »Die St. Luciuskirche zu
Chur«, Jahrg. VIII (1895) dieser Zeitschr., Sp. 348.
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