Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903. — ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 7.

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Nachrichten.

Kunstfahrt der Utrechter St. Bernulphus-

Gilde im Jahre 1900 nach Löwen,

Villers, Brüssel.

Am ersten Adventsonntage 1869 hatte der da-
malige Erzbischöfliche Kaplan (jetzige Pastor von
Jutfaas), Stifter und Konservator des Erzbischöflichen
Museums in Utrecht Herr van Heukelum, die Geist-
lichkeit der Stadt nebst einer Anzahl Künstler und
Kunstfreunde eingeladen, um ihnen seinen Plan vor-
zulegen hinsichtlich der Gründung eines Vereins,
der die Liebe zur kirchlichen Kunst und ihre wür-
dige Ausübung fördern sollte. Dieser Pl.in wurde
mit allgemeinem Beifall aufgenommen, Herr Heukelum
schlug vor, nach Weise unserer kunstliebenden Vor-
fahren den neuen Verein eine „Gilde" zu nennen
und sie unter den Schutz des hl. Bernulphus zu
stellen, der im Jahre 1027 Bischof von Utrecht
wurde, 27 Jahre lang regierte und sich als Kir-
chenstifter hervortat. Am 20. Dezember fand die
erste Sitzung statt, in welcher Herr van Heukelum
zum Dechanten der neuen Gilde gewählt wurde. Bis
auf den heutigen Tag hat er sich in dieser Würde
behauptet und bei jedem Wechsel der Zeit und des
Geschmacks „die ursprünglich angenommenen Prin-
zipien" hochgehalten. Im Jahre 1894, in der Fest-
woche ihres heiligen Patrons (19. Juli), feierte die
Gilde ihr 25jähriges Jubiläum, bei welchem ihr De-
chant zum päpstlichen Ehrenkämmerer ernannt und
von Seiten seiner getreuen Gildebrüder mit einer
reichgearbeiteten goldenen Gildekette geschmückt
wurde.

Aufser zu den regelmäfsigen Gildesitzungen, worin
über kirchliche Kunst und Archäologie verhandelt
wird, vereinigt sich fast in jedem Jahre eine beträcht-
liche Mitgliederzahl zu einem kürzeren oder längeren
Kunstausflug unter der bewährten Führung ihres De-
chanten. Der Verlauf dieser Kunstreisen wird in den
Jahresberichten mitgeteilt.

Im Jahre 1900 waren Löwen, Villers und
Brüssel das Ziel der Kunstfahrt, über die hier in
zwangloser Weise berichtet werden soll.

I.

Für den Eisenbahnankömmling sind Löwens „Kunst-
löwen" nicht schwer zu finden; vom Bahnhof strebt
er in gradester Richtung auf sie los; links erkennt er
das Rathaus, wie es in schräger Lage, Schmal- und
Langgiebel zugleich präsentiert; rechts erhebt sich
St. Peters Chorseite.

Zum Henker! Schon wieder diese verwünschten
Gerüste! Wie ein Spinnengewebe mit gekreuzten
Strichen die Monumente maskierend, machen sie nur
zu häufig einen Strich durch die Rechnung der rei-
senden Kunstliebhaber.

Vor Jahren betrat der Berichterstatter mit grofsen
Erwartungen die alte westfälische Hansastadt Soest;
einem der herrlichsten Werke gotischer Baukunst
auf deutschem Boden wollte er seine besondere An-
dacht widmen. Von der schönen „Maria zur Wiese"
aber bekam er nichts zu sehen; aufsen und innen, j

hoch und niedrig: Gerüste, lauter Gerüste. Da
freut sich einer auf poetische Lockenköpfchen; er
kommt am Vorabend des Festes und findet sämtliche
Locken auf Papier gewickelt. Wohl konnten später im
Jahre 1897 unsere Gildebrüder der vollendeten Restau-
ration sich freuen; indessen ist es ein magerer Trost
für den Besucher von heute, dafs die Ursache seiner
Enttäuschung seinen Nachfolgern doppellen Genuls
bereiten wird.

Glücklicherweise war in Löwen die Sache nicht
gar so schlimm; wohl wurde am Rathaus fleifsig ge-
arbeitet — man sagt, dafs immer daran gearbeitet
und restauriert wird — doch diesmal gilt der Angriff
besonders dem Inneren. Die kolossalen Balken des
ersten Stockwerkes werden entfernt, weil ihre Lager-
flächen angefault sind; es sind prachtvolle Brocken
Eichenholz, in der Mitte noch gesund und hart, wie
vor vierhundert Jahren; ihre Stellvertreter von der-
selben Stärke sind jetzt in der Nähe nicht mehr zu
finden, sondern müssen aus Böhmen eingeführt wer-
den. Beim Anblick dieser Riesenstämme fühlt man
sich in die „böhmischen Wälder" versetzt, wo Karl
Moor mit seinen Spiefsgesellen „ein freies Räuber-
leben" führte.

Keine Abschweifung, Herr Berichterstatter! Was
meinen Sie zu dem Rathäuslein da vor Ihren Augen?
oder ist Ihnen die Sache zu kitzlich und wollen Sie
sich an der Beschreibung vorbeidrücken? „Matthieu
de Layerts maitre des maconneries de la ville fut
l'architecte de ce remarquable edifice. On en posa
la premiere pierre le 29 Mars 1447". So lautet die
Unterschrift der prachtvollen Reproduktion, die uns
Yzendyke geboten; betrachte sie mit Andacht, lieber
Leser, und das „remarquable" wird Dir keine über-
triebene Lobrede scheinen. Die Disposition des Ganzen
könnte nicht einfacher sein: ein längliches Viereck,
der gewöhnliche Grundplan nordischer Häuser. Die
Langseite zeigt drei Reihen von je zehn Fenstern;
die Schmalseite dreimal drei Fenster. Ein hoch-
ragendes Dach überdeckt den ganzen Bau, eine Dach-
galerie krönt das Mauerwerk, an den vier Ecken und
in der Giebelmitte sind Türmchen angeordnet.
Unten: ein Sockel und ein ziemlich hoher, glatter
Unterbau: darüber geht das Gewimmel los und ist
keine ungebrochene Mauerfläche mehr zu finden. Das
ganze Arsenal spätgotischer Bau-, Stein- und Bild-
hauerkunst ist hier erschöpft; die tief profilierten,
spitzbogig geschlossenen und mit Mafswerk besetzten
Fenster sind aufserdem mit Eselsrücken überdeckt,
diese geziert mit Bossen und Kreuzblumen; die Pi-
laster zwischen den Fenstern sind ihrer ganzen Höhe
nach aufgelöst in Konsolen, Statuen. Baldachine und
Fialen. Kräftige Leisten unter den Fenstern und
Gesimse in Balkenhöhe, deren Zwischenräume galerie-
artig ausgefüllt sind, besorgen augenfällig die hori-
zontale Verteilung; über dem schweren Hauptgesims
erhebt sich die Brustwehr in der Form durchbrochener,
mit Mafswerk gefüllter Zinnen. Die Ecktürmchen
zeigen in den unteren Partien eine Folge reich ver-
zierter, mit Tragsteinen, Figuren und Bekrönungen
ausgestatteter Nischen; oben sind sie bis in die
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