Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.— ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 10.

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und dazu Zeit wie Mittel erhält. Der Mangel an
letzteren trägt die Hauptschuld, weswegen die meisten
derartigen Museen verkümmern, die ohnehin den staat-
lichen, provinzialen, kommunalen Sammlungen gegen-
über einen so schweren Standpunkt haben, dafs
stellenweise die Vereinigung mit einer derselben sich
empfehlen dürfte. Schnütgen.

Friedrich Lippmann f. Es war im November
1901. Ein kleiner Kreis von Amtsgenossen und Freun-
den feierte in dem schönen, gastlichen Heim Dr.
Friedrich Lippmanns in Berlin das fünfundzwanzig-
jährige Jubiläum des Hausherrn als Direktor des Ber-
liner Kupferstichkabinetts. Lippmann war noch in
voller Frische, mitten in rastloser Tätigkeit. Es
schienen ihm noch viele Jahre erfolgreichen Wirkens
beschieden zu sein.

Zu Beginn dieses Sommers erkrankte Lippmann
an einem Herzleiden, von dem ihn nach langen,
schweren Kämpfen ein sanfter Tod am 2. Oktober
1903 erlöste.

Das Berliner Museum, die Kunstforschung und
die Kunstpflege in Berlin haben durch den Heim-
gang dieses Mannes vieles, fast unersetzliches ver-
loren. Der Verstorbene vereinigte in seltenem Mafse
mit umfassender Sachkenntnis, scharfem, sicherem Ur-
teil und feinstem Geschmack praktischen Sinn und
geschäftliche Umsicht. Mit allen Wegen des Kunst-
handels vertraut, war er stets der Erste am Platz, wenn
es galt, dem Berliner Kabinett neue Schätze zuzuführen.

Als Lippmann, der einer Prager Familie entstammte,
im November 1876 an die Spitze des Berliner Kupfer-
stichkabinetts berufen wurde, war der Bestand dieses
Kabinetts in vieler Hinsicht unvollständig und ungleich-
mäfsig. Die Kupferstichsammlung des Generalpost-
meisters von Nagler, welche den Grundstock des Ka-
binetts bildete, war zwar ziemlich umfangreich, enthielt
aber neben einzelnen guten Stücken viel Mittelmäfsiges
und Minderwertiges. Das Berliner Kabinett stand da-
mals hinter den anderen europäischen Kabinetten mit
ihren meist reichen Schätzen weit zurück. Lippmann
hat es seitdem zu einer den älteren Sammlungen eben-
bürtigen Höhe gebracht. Unermüdlich war er darauf be-
dacht, die Werke der bedeutenderen Meister zu ergänzen
und durch Ankauf früher und frischer Abdrücke zu ver-
bessern. Mit Recht ist beim Jubiläum Lippmanns
darauf hingewiesen worden, dafs, wenn anderes seines
Wirkens bekannter sein mag, diese stillere Tätigkeit
den besten Teil seiner Lebensarbeit gebildet hat. Be-
sondere Sorgfalt widmete der Verstorbene den Werken
von Schongauer, Dürer und Rembrandt, die das Ber-
liner Kabinett jetzt in unübertroffener Schönheit auf-
weisen kann. Auch der im Jahre 1876 noch überaus
dürftige Besitz des Kabinetts an Zeichnungen alter
Meister ist durch Lippmanns Verdienst wesentlich er-
weitert worden. Kurz nach der Übernahme des neuen
Amts erwarb er die reichhaltige Dürersammlung Po-
sonyi-Hulot. Im Jahre 1882 folgte der Ankauf der
köstlichen Zeichnungen Botticellis zu Dantes göttlicher
Komödie und der wertvollen Miniaturen aus dem
Besitz des Herzogs von Hamilton. Die letzte grofse

Vermehrung der Handzeichnungen des Kabinetts brachte
im Jahre 1902 die Erwerbung der an Werken italieni-
scher Meister des XV. und XVI. Jahrh. und nieder-
ländischer Meister des XVIII. Jahrh. reichen Sammlung
von Beckerath. Der Berliner Besitz an Zeichnungen
Dürers darf heute mit Stolz als der nächst der Alber-
tina bedeutendste der Welt bezeichnet werden. Lipp-
manns Sammeleifer wandte sich auch den illustrierten
Büchern zu, die das Berliner Kabinett jetzt in seltener
Zahl und Schönheit besitzt. Auch um • die Beschaffung
der für Studienzwecke unentbehrlichen Hilfsmittel war
der Kabinettsdirektor eifrig bemüht. Die BerlinerSamm-
lung von photographischen Nachbildungen nach Ge-
mälden und Hand Zeichnungen alter Meister wird an
Reichhaltigkeit kaum übertroffen. Ein treffliches Hilfs-
mittel schuf Lippmann auch in dem zur Sammlung
der Handbücher der Königlichen Museen zu Berlin
gehörigen Handbuch über den Kupferstich. Es ist
eine durch zusammengedrängte Kürze und Schärfe
des Urteils geradezu mustergültige Arbeit. Für ein
Handbuch des Holzschnitts hatte Lippmann bereits
umfangreiche Vorarbeiten gemacht; der Tod des kaum
64 jährigen Mannes hat leider auch dieser Arbeit vor-
zeitig ein Ziel gesetzt. Von den sonstigen kunst-
historischen Veröffentlichungen, zu welchen der Ver-
storbene neben anstrengender Diensttätigkeit noch Zeit
fand, verdienen die unter seiner Leitung von der
Reichsdruckerei meisterhaft hergestellten Wiedergaben
der Zeichnungen Dürers, Rembrandts, sowie der Dante-
zeichnungen Botticellis besonders hervorgehoben zu
werden. Seine letzte Arbeit, von welcher bisher schon
8 Lieferungen vorliegen, war die Wiedergabe von
Zeichnungen alter Meister im Berliner Kupferstich,
kabinett in mustergültigen Lichtdrucken der Reichs-
druckerei. Daneben veröffentlichte er zahlreiche Auf-
sätze in Fachblättern, besonders in dem »Jahrbuch der
Königlich Preufsischen Kunstsammlungen«. Wir er-
wähnen nur die Studie über den italienischen Holz-
schnitt im XV. Jahrh., über die Holzschnitte des
Meisters J. B. und über die 7 Planetenbilder.

Grofse Verdienste hat sich der Verstorbene auch
um die Pflege der allen Kunst in der Reichshauptstadt
erworben. Als einen Mittelpunkt für diese Bestrebun-
gen gründete er mit Wilhelm Bode, Robert Dohme
und anderen Amtsgenossen 1886 die Berliner Kunst-
geschichtliche Gesellschaft. Auch in dieser Vereini-
gung war Lippmann die treibende Kraft.

Lippmann, der sich der besonderen Huld des
Kaisers Friedrich und seiner kunstverständigen Ge-
mahlin zu erfreuen hatte, pflegte in seinem mit er-
lesenen Kunstschätzen, besonders mit vortrefflichen
Gemälden altdeutscher und altniederländischer Meister
geschmückten Heim eine ausgedehnte Geselligkeit.
Sein Haus war ein Sammelpunkt für Kunst forscher
und Kunstfreunde. Meinem Vater, der Lippmann
durch seine kunstgeschichtlichen Studien näher ge-
treten war, habe ich es stets gedankt, dafs er auch
mich in das Haus seines Freundes eingeführt hat.
Die damals geknüpften und fast zwei Jahrzehnte hin-
durch gepflegten Beziehungen zu Dr. Friedrich Lipp-
mann werde ich stets zu meinen wertvollsten Berliner
Erinnerungen rechnen dürfen.

Berlin, im November 1903. Dr. Paul Kaufmann.
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