Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903

ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST — Nr. 11.

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das ursprünglich mit einer getriebenen Silber-
platte überzogen war; letztere ist leider grössten-
teils verlorengegangen. Manche Archäologen84)
sehen das Monument als Tragaltar an und zwar
aus der Zeit des hl. Cuthbert (f 687). Die we-
nigen Fragmente mit einzelnen Buchstaben
bieten für diese Ansicht kein genügendes Fun-
dament, es ist weder ein Tragaltar noch aus
der Zeit des genannten Heiligen, es dürfte
vielmehr im XL Jahrh." in das Grab Cuthberts
gekommen sein.

Der sogenannte Altar des hl. Gregor von
Nyssa in der Kirche S. Maria Campidelli zu
Rom ist ein tafelförmiges Reliquiar (35x24
cm), welches seinen Namen einem darin be-
findlichen Pergamentstreifen mit folgenden
Worten verdankt: Hoc est altare viaticum, quod
asportavit Bealfus Greg)orius Nazianzenus de
Jerusalem . . . plenum multarum reliquiarutn
apostolorum, marti. . ., cotifessor. et virginum.
Et est... . Unter diesen berühmten Reliquien
fand sich laut Inschrift eine Kreuzpartikel, ein
hl. Nagel u. a. Als Altarstein diente ein (an-
gebliches) Mosaikbild des Heilandes in byzan-
tinischer Auffassung, das jetzt teilweise zerstört
ist. Das Monument ist wohl weder ein Trag-
altar noch älter als das XIII. Jahrh.85) Von den
Altären der Heiligen Servatius, Willibrord und
Geminianus wird weiter unten die Rede sein.

10. Nachdem wir bisher im allgemeinen
über Gestalt, Materie, Ausstattung, Gebrauch
und Alter des mittelalterlichen Portatile ge-
handelt haben, liegt es uns nunmehr ob, eine
kurze Beschreibung aller noch erhalte-
nen, weit zerstreuten Monumente im
einzelnen zu geben. Dieses scheint um
so notwendiger, da der Reichtum Deutschlands

M) Racine »Life of St. Cuthbert« (London 1828)
199. Kraus »Real-Encyclopedie« I, 42. Smith
and Ceetham »Dictionnary« I, 09- Rohault de
Fleury V, 7 ss. Stockes läfst in ihrem Buche
»Early Christian art of Ireland« das Monument unbe-
rücksichtigt, hält es also nicht für so alt. — Die Re-
liquien des hl. Cuthbert wurden zweimal transferiert,
bei welcher Gelegenheit wohl manche liturgische Gegen-
stände ins Grab gerieten. Vgl. Acta Sanctorum,
20. Mart. III, 127 ss.

8S) Abb. bei Ro haultd»FleuryV, 37. — Maracci
(nicht Marrucci wie Fleury schreibt) »Memorie di S. Ma-
ria in Portico« (ed. 1 167r>,ed.2 187.r>) erwähnt den Altar
nur als Sehenswürdigkeit der Kirche ohne jede weitere
Bemerkung. — Erra »Storia dell'imagine e chiesa di
S. Maria in Portico di Campitelli«, Roma 17T>0, widmet
dem Altar ein ganzes Kapitel und bezeichnet als Ort der
Anfertigung oder Herkunft Jerusalem. ■— Matraja,
Storia di S. Maria in Portico, welchen Fleury zitiert,
spricht nicht von dem Altärchen.

an solchen Monumenten wenig bekannt ist.
Um aber nicht in eine ermüdende Gleich-
förmigkeit zu geraten, wollen wir zugleich den
Versuch machen, sie nach bestimmten Gesichts-
punkten in Gruppen einzuteilen. Wir können
bei dieser Einteilung von verschiedenen Ge-
sichtspunkten ausgehen und sie entweder nach
Alter und Landstrichen zusammenstellen,
wie Münzenberger in seinem monumen-
talen Werke über den mittelalterlichen Altar
Deutschlands getan hat, oder nach Form und
Gestalt, oder auch nach Schulen. Indes
mag uns keiner dieser Gesichtspunkte genügen:
nicht nach Alter, weil die meisten Tragaltäre,
wie bereits bemerkt, aus der romanischen Zeit
stammen; nicht nach Ländern, weil das Por-
tatile als ein kleines Kunstobjekt wie schon
früher, so auch noch gegenwärtig zu sehr dem
Wechsel des Ortes ausgesetzt ist, und beson-
ders weil dieses Einteilungsprinzip den Gegen-
stand selbst nicht berührt, auch nicht blofs
nach Form und Gestalt, weil die erhaltenen
Monumente eigentlich nur zwei verschiedene
Formen zeigen und somit kein genügendes
Fundament für eine übersichtliche Einteilung
gewonnen würde, endlich auch nicht nach
Schulen, weil es ein mifsliches Unternehmen
ist, zu sagen, „das ist Cölner, das ist Trierer,
das ist Aachener, das ist Siegburger Arbeit".86)
Denn diese Worte eines angesehenen Kunst-
historikers haben auch heute noch ihre Be-
deutung, wenn auch nicht mehr in demselben
Mafse, als zur Zeit, da von Falke sie nieder-
schrieb.

Wir werden bei unserer Klassifizierung von
einem andern Gesichtspunkte ausgehen, nämlich
von dem Materiale, womit der Holzkern
oder die Holzplatte vo rn eh ml ich geschmückt
ist. Allerdings bietet auch diese Einteilung
manche Schwierigkeiten, weil häufig mehrfacher
Schmuck angewendet ist, doch läfst sie ander-
seits die Möglichkeit, stets die nach Ländern
(und soweit als möglich nach Schulen) zusam-
mengehörigen Monumente zu kleinern Gruppen
zu vereinigen. Wir wollen auch die Form in-
sofern berücksichtigen, als wir zuerst die tafel-
förmigen, dann die schreinartigen Altärchen
behandeln.

(Illustr. Forts, im nächsten Jahrgang Heft 1.)
Florenz. Beda Kleinschmidt, O.F.M.

86) v.Falke »Geschichte des deutschen Kunstge-
werbes« (1888) S. 49.
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