Zeitschrift für christliche Kunst — 16.1903

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1903.— ZEITSCHRIFT FÜR CHRISTLICHE KUNST

Nr. 11.

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tümlichen, von Köln ganz unabhängigen Typus
aufgeprägt hat, wie er sich auch auf mehreren
in Westfalen erhaltenen Gegenständen dieser
Epoche findet. Die Haltung der Figuren ist
vornehm, stellenweise schon etwas geziert, die
Bewegung feierlich, der Faltenwurf schwer,
der Ausdruck erhaben, und die breite, hier und
da etwas gespreizte Art kam der Verteiluug auf
die monotone Goldfläche zugute, zumal im
Banne der ausgezackten Rasenböden, auf denen
sie stehen, und der kühn geworfenen Spruch-
bänder, von denen sie überfangen werden. Die
Technik ist ebenso delikat, wie solid. Ge-
spannte Goldfäden, die durch roten Überfang-
stich rautenförmig gemustert sind, bilden den
Grund, auf den die Spruchbänder appliziert
sind, aus Silberfäden gebildet und mit schwarzen
Inschriften, roten Initialen bestickt. Die Fi-
guren sind sämtlich und ausschliefslich im Go-
belinstich ausgeführt bis auf einzelne, durch
Goldfäden bewirkte Beigaben in der Krö-
nung Mariens, wie Kronen, Nimben, Welt-
kugel, Mantelborten, die beiden Faltstühle.
Als Farben wechseln Rot, Blau, Grün ab. Der
Rasenboden besteht in grüner Seide, auf die
gelbe Seidenfäden im Stilstich, sowie Goldfäden
mit roten Blättchen eingetragen sind, um den
Rasen anzudeuten. — Dieses einfache Ver-
fahren hat eine sehr harmonische Wirkung ge-
schaffen und wie die wenigen, aber ausge-
sprochenen Farbentöne mit dem Goldgrunde
vorzüglich zusammenstimmen, so behaupten sie
sich zusammen dem wunderbar leuchtenden
Sammetbrokat gegenüber, der trotz seiner glän-
zenden Wirkung den beiden Wappenschildchen
als guter Hintergrund dient. Schnütgen.

36. Hochgotisches kupfervergoldetes

Fahnenkreuz der Stiftskirche zu

Xanten (Katalog Nr. 731).

Im Unterschiede von den Altar- und Vor-
tragekreuzen, die stets mit einem Kruzifixus
versehen sind, fehlt dieser zumeist auf den Re-
liquienkreuzen, und wohl immer auf den
Fahnenkreuzen, die sich übrigens aus dem
Mittelalter nur in wenigen Exemplaren er-
halten haben, wie die Fahnen selber. In der
Regel aus Holz gebildet, schon in Rücksicht
auf das Gewicht, waren sie leichter der Be-
schädigung und Zerstörung ausgesetzt. Die
beiden in Xanten befindlichen fast identischen

Exemplare dürften als Seltenheiten zu gelten
haben, und das hier abgebildete, 48 cm hoch,
mag kurz beschrieben werden, da die klare
Abbildung eine längere Erklärung überflüssig
macht. — Der an der unteren konischen Büchse,
welche die verhältnismäfsig dünne Tragstange
aufzunehmen hatte, angebrachte Haken hat
die Fahne zu halten, zu der ein kleiner Nodus
als Gegengewicht genügte, während das Kreuz
selbst nur durch eine gewisse Breite einen
harmonischen Abschlufs zu bewirken ver-
mochte. Dieses Kreuz ist aus starkem Kupfer-
blech ausgeschnitten und vergoldet mit seinen
erweiterten und ausgebuchteten, dadurch um
so voller wirkenden Balkenendigungen. Auf
beiden Seiten ist dasselbe mit einer vorzüglich
gezeichneten, streng stilisierten Doppelranke
(Efeublatt) verziert, die unten anfangend in
ausgesparter Technik, also auf kräftig schraf-
fiertem Grund, sich derart nach rechts und
links, wie bis oben hin verästelt, dafs 17 in
die ovalen Ausschnitte gespannte Bergkristall-
Cabochons verschiedener Gröfse, bei weitem
der gröfste in der Mitte, von ihnen in wirkungs-
vollster Einfassung umschlungen werden, zu
einer Art von Einheit verbunden trotz ihrer
Zerstreuung. Jeder Bergkristall hat auf der
Vorderseite eine profilierte Fassung, wie das
Kreuz ringsum, der auf der Rückseite eine
glatte, nach innen gekehrte Schräge entspricht.
Die untere Ausbuchtung des Kreuzes ruht, in
unorganischer Anordnung, stumpf auf einem
von beiden Seiten mit einer, ebenfalls ausge-
sparten, Bestie geschmückten flachen Zapfen,
der ebenso unorganisch in einen achteckigen
Knauf übergeht mit kleinen Bergkristallen in
den vier rautenförmigen Pasten. — Die Ranken-
verzierungen des Kreuzes, zu der illuminierte
Kodizes das Vorbild geliefert haben dürften,
weisen auf das Ende des XIV. Jahrh. und auf
den Niederrhein hin, wo auch der Kristall-
schmuck sehr beliebt war, zumal an Gegen-
ständen, die in der Luft zu wirken bestimmt
waren, also namentlich bei Vortragekreuzen.
Mit Vorliebe wurde ihnen deshalb auch, nament-
lich in Italien, der Schmuck von Kristall- oder
vergoldeten Metallkügelchen beigegeben, die
ringsum die Schmalseiten der Balken umsäumen,
besonders von den Ecken auslaufend, wie sie
sich am Kreuzmittel und an den Enden ergeben,
sei es bei der rechteckigen, sei es bei der Drei-
pafs-Lösung desselben. Schnütgen.
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