Architektonische Rundschau: Skizzenblätter aus allen Gebieten der Baukunst — 27.1911

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Seite 136.

ARCHITEKTONISCHE RUNDSCHAU

1911, 12.


Landhaus des Großhändlers Beijer in Skodsborg.

Architekt: Carl Brummer in Kopenhagen.

Sprüche, daß ihm der erste beste gewesene Maurerpolier gut
genug erscheint, um sein Bedürfnis zu befriedigen. Das ist
der fast allgemein herrschende Zustand in Deutschland, zum
Unterschied von England und Frankreich, wo sich der gebildete
Mann mit voller Selbstverständlichkeit an den guten Architekten
wendet, ebenso wie er im Krankheitsfalle nicht den Lazarett-
gehilfen, sondern einen möglichst guten Arzt zu Rate zieht.
Der Deutsche vermeidet den Architekten, aber er sitzt in einem
Komitee für Kulturbestrebungen und richtet Bauberatungs-
stellen ein.
Überdenkt man, was hier noch zu tun ist, um auch nur
die selbstverständlichen Grundlagen zu schaffen, so erscheint
die zu leistende Arbeit enorm. Wo ist der Hebel anzusetzen?
Zwei Richtungen der Einwirkung bieten sich uns dar, die auf
den Erzeuger und die auf den Verbraucher; es handelt sich um
die Erziehung des baukünstlerischen Nachwuchses, und es
handelt sich um die Weckung eines besseren architektonischen
Verständnisses beim baulustigen Publikum.
Die Erziehung des baukünstlerischen Nachwuchses ist
die verhältnismäßig leichtere der beiden Aufgaben. Wir sind
hier bereits auf gutem Wege, und die Ergebnisse einer besseren
Erziehung machen sich in der jüngeren Generation zum Teil
schon bemerkbar. An die mittleren Schulen, die Baugewerk-
schulen, ist eine reformierende Hand gelegt, die wenigstens
die Schlacken der Prätension ausgeräumt hat. Ob unser höheres
baukünstlerisches Studium, wie es an den Technischen Hoch-
schulen seine Stätte findet, nicht reformbedürftig ist, diese Frage
soll hier nur gestreift werden. Eins steht fest, daß sich zum
Unheil für die innere architektonische Ausbildung des Zöglings
äußere, vorwiegend auf Standesabgrenzungen abzielende Ge-
sichtspunkte in bedenklicher Weise breitmachen. Das Studium
scheint mehr darauf angelegt, spätere Räte vierter Klasse als
Baukünstler erster Klasse zu erziehen. Auch kann aus der in
Deutschland herrschenden Auffassung, man könne sich, zwanzig
Jahre alt geworden, ebenso wie man sich etwa zur Juristerei
oder Medizin entschließt, auch eines Tages entschließen, Bau-
künstler „zu studieren“, nichts Gutes erwartet werden. Zum

mindesten wäre das Vorhandensein künstlerischer Begabung zur
unerläßlichen Vorbedingung zu machen, über die der Nachweis
zu erbringen wäre. Wie denn überhaupt die heutige, fern von
der Allgemeinkunst vor sich gehende äußerliche Art der An-
eignung der architektonischen Formenlehre ihre stark bedenk-
lichen Seiten hat.
Da aber der heutige gebildete Deutsche den geschulten
Architekten überhaupt noch vermeidet, so erscheint die Be-
schreitung des anderen Weges sehr viel wichtiger, nämlich die
Einwirkung auf den Konsumenten. Das Interesse an Architektur
hat im deutschen Publikum lange vollständig brachgelegen.
Und während in unseren Tageszeitungen jede erste Theater-
aufführung wie ein weltgeschichtliches Ereignis behandelt und
über jede Bilderausstellung lange Artikelserien geschrieben
werden, tun unsere Zeitungsredakteure und -besitzer auch heute
noch so, als wäre so etwas wie Architektur nicht vor-
handen. Der übliche Zeitungskorrespondent weiß nichts von
Architektur. Erst ganz neuerdings beschäftigen sich jüngere
Kunstschriftsteller damit, ihr wenigstens eine kleine Hintertür
in die Markthallen der Tagesmeinung zu öffnen. Das Publikum
flieht aber auch heute noch Diskussionen über Architektur, als
handelte es sich um die Dialekte des Sanskrit.
Und doch ist es in letzter Zeit gelungen, dem Publikum
wenigstens ein halbes Ohr für architektonische Dinge zu öffnen,
und zwar auf einem Umwege. Das Zauberwort, das die Apathie
gelöst hat, heißt Heimatschutz. Die Gedankengänge des Heimat-
schutzes sind, das müssen wir heute freudig zugestehen, fast
Allgemeingut des Volkes geworden, und es ist unsere Pflicht,
anzuerkennen, daß die Verbände, die diese Ideen propagiert
haben, ein gutes Werk getan haben. Denn in der allgemeinen
Anerkennung des Heimatschutzgedankens liegt wenigstens das
öffentliche Zugeständnis, daß die Bauten, mit denen nicht nur
fünf kulturlose Jahrzehnte unser Land besetzt haben, sondern
mit denen unkultivierte Bauproduzenten noch heute Denkmäler
deutscher Schmach errichten, daß diese Bauten öffentlich als
ungehörig erkannt sind. Das ist schon enorm viel, verglichen
mit dem Zustande von vor zehn Jahren. Damals hatte das
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