Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Bedürfnis eigene slowakische Kulturinstitutionen
zu errichten, ins Lehen, dasselbe Bedürfnis, das das
slowakische Nationaltheater, die Musik- und
dramatische Akademie und andere Institutionen
kreierte. Es handelte sich um die erste öffentliche
Schule für bildende Kunst in der Slowakei. Warum
hätte das nicht gleich eine Akademie sein sollen,
weshalb gerade eine Kunstgewerbeschule? Gab
es doch bei uns Privatschulen für Malerei, direkt
in Bratislava gab es die Privatschule Gustav
Mallýs, deren legitime Nachfolgerin eher eine
Akademie für Bildende Kunst hätte sein können.
Das sich die anfänglichen Erwägungen tatsächlich
in dieser Richtung bewegten, bezeugt ein nicht
realisierter Gründungsplan einer solchen Schule
aus den Jahren 1921 — 1922, in der man mit den
Malern Jozo Úprka und Alois Kalvoda als Lehrer
rechnete.
Als das Ende des Jahrzehnts näher gerückt war,
ebbten die Nach-Umsturz-Ideale ab und es zeigte
sich dringlich die Notwendigkeit einer nüchternen
Erwägung. Als im Jahre 1927 das Ministerium für
Schulwesen und Volkskultur eine Ankete zum
Thema der Kunstschule in Bratislava veranstaltete,
vertrat die Mehrheit der Stimmen die Tendenz,
dass es sich um eine Anstalt handeln müsse, die
konsequent praktisch orientiert sein sollte, die
nicht die Reihen des Kunstproletariates vermehrt,
wie dies unbeabsichtigterweise die existierenden
Schulen, hauptsächhch die Hochschulen zur Folge
hatten.
Im Interesse dieser Ansicht sprach dann noch
eine weitere Tatsache. Bratislava war eine Stadt
mit Tradition — was die Erziehung des Ge-
werbenachwuchses anbelangt. Die erste hiesige
Lehrlingschule, die im Jahre 1887 gegründet wur-
de, besuchte eine fast 800 betragende Schülerzahl
aus 51 verschiedenen Gewerbezweigen. Im Jahre
1926 kam es zu einer nationalen und organisatori-
schen Einigung der Lehrlingschulen und zu einer
Modernisierung der Lehrmethoden. Das Ergebnis
dieser Änderung sollte die Verbesserung der so-
zialen Lage der Lehrlinge sein und das Ziel die
Hebung ihrer Fach- und Allgemeinbildung. Die
reformierten Lehrlingschulen boten so eine prak-
tische und theoretishe Grundlage, die gleichfalls
die Vorbereitungen einer projektierten Kunst-
schule in die Bahnen einer kunstgewerblichen
Orientierung trieb.
Was die zweite Aufgabe betrifft, nämlich die

Entwicklungsförderung der Slowakei, entschieden
in Hinblick auf unser Thema mehrere Faktoren.
Es waren dies vorallem die Menschen, Einzel-
menschen, konsequente und tatkräftige Persön-
lichkeiten, vorallem Josef Vydra und Antonin
Hořejš. Der erstgenannte, ein Künstler des Kunst-
gewerbes, Kunsthistoriker, Ethnograph, Pädagoge,
der zweite ein Musikologe, Theater- und Kunst-
historiker und Theoretiker der angewandten Kunst
Vydra war Direktor der Kunstgewerbeschule,
Hořejš, der damalige Agent der Handels- und
Gewerbekammer, verdiente sich in höchstem Mass
um die Gründung der Schule und hielt selbst
Vorträge über den zeitgenössischen Lebenstil und
die Ästhetik des modernen Kunstschaffens. Beiden
war von Anfang an die Konzeption der Schule
klar. So der eine wie der andere bekannten sich
zur geistigen Vorhut der Zeit; dabei waren sie sich
dessen bewusst, dass, wenn man von den Worten
zu Taten übergehen sollte, man von der realen
Situation ausgehen und auf solide Grundlagen
bauen müsse.
Bei einem näheren Betrachten des Charakters
und der Gestaltung der Kunstgewerbeschule zeigt
sich, dass sowohl bei ihrer Entstehung als auch
während der ganzen Zeitdauer ihrer Existenz zwei
Ebenen zur Geltung kamen. Die eine war durch
das Milieu gegeben, dadurch, was lokal und
historisch notwendig, annehmbar und realisierbar
war. Die zweite war etwas Inneres, durch die
fortschrittliche künstlerische Atmosphäre des da-
maligen Europa inspiriertes, zum Teil also ver-
borgen perspektiv eingestelltes.
Kehren wir jetzt noch zu den Anfängen der
Schule zurück. Dies tun wir nicht bloss der histo-
rischen Rekonstruktion zuliebe, aber deshalb, da
sich daraus eine für uns wertvolle Erkenntnis, man
könnte sogar ausgesprochen sagen, ein Vermächt-
nis ergibt, das, einem vergessenen Beispiel nach-
zufolgen, aufruft. Es hätten die Bedingungen
nämlich wie immer günstig sein können, nie wäre
gerade solch eine Schule wie es die Kunstgewer-
beschule war, entstehen können, wären nicht Leute
dagewesen, die sich für ihre Existenz voll einsetzten
die die ganze Umgebung für die gemeinsame Sache
begeistern, die zuständigen Institutionen mobili-
sieren und die mit unvermindertem Elan beim
begonnenen Werk beharren konnten.
Das Gewicht der Argumente war ihre ausgie-
bigste Waffe, jener Argumente, die den Interessen

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