Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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sich und nach ihrem eigenen Masstab gewürdigt werden muss. Es wäre sinnwidrig, zu ignorieren,
dass, um nur zwei Beispiele zu nennen, die künstlerisch entscheidende Entwicklung von Mies van
der Rohe und von Kandinsky sich vor der Zeit ihrer Zugehörigkeit zum Bauhaus vollzogen hat.
Das Bauhaus empfing mehr von ihnen, als umgekehrt sie von ihm. Es bleibt auch die Tatsache, dass
das Bauhaus Einflüsse von aussen her in sich aufgenommen hat. Dennoch — und auch deshalb —
bleibt es der Inbegriff einer schöpferischen Synthese, oder, wie Mies van der Rohe sagt, einer grossen
und strahlenden Idee.
Das Geheimnis der erstaunlichen Strahlkraft des Bauhauses, die bis heute unvermindert geblieben
ist, beruht vor allem wohl in dem unvergleichlichen Akkordieren der grossen Künstler, die das
Institut mit ihrer Substanz bereicherten. Sie waren da und schufen ihre Werke, jeder für sich, und
errichteten mit ihrem Tun einen Qualitätsmasstab, der alle verpflichtete, ob sie nun mit den anderen
in unmittelbarem Kontakt standen oder nicht. Ein ehemaliger Schüler des Weimarer Bauhauses hat
das so ausgedrückt, und ich meine, dass er den Kern damit traf: ,,Wir haben von Gropps oder von
Malern wie und AJee in concreto kaum etwas gelernt. Aber wir waren uns
immer bewusst, dass sie zum Bauhaus gehörten wie wir, und dass das, was sie machten, gültig war.
Sie gaben ihre Persönlichkeit und ihr Gerne, und wir mussten ihrer würdig sein." Die künstlerischen
Inventionen der Grossen haben auf die Praxis des Unterrichts und der Werkstätten anregend
eingewirkt, wobei nicht entscheidend war, ob sie wie beispielsweise Albers, Moholy-Nagy
und Schlemmer zusammen mit den Schülern experimentierten oder ob sie still für sich arbeiteten,
wie Feininger es tat. Die allen bewusste Präsenz dieser Meister verlieh dem Bauhaus einen
moralischen Status, der bindend, der stimulierend war und zur höchstmöglichen Leistung aufforderte.
Dieser moralische Status machte die Einmaligkeit des Bauhauses aus. Ich sage ,,Einmaligkeit", denn
es steht wohl ausser Zweifel, dass dieses Zusammentreffen genialer Begabungen ungeachtet der
Leistung von GropÍM3, der sie ans Bauhaus berief, ein Glücksfall war, der sich nicht ohne weiteres
wiederholen, an irgendeinem Ort und zu irgendeiner Zeit planmässig arrangieren lässt. In dieser
Hinsicht ist das Bauhaus wirklich zu einer Idee geworden, an der man sich orientieren und aufrichten,
die man jedoch nicht einfach nachahmen kann.
Von den mancherlei Wertmassstäben, an denen man das Bauhaus messen kann, ist das Arbeitsethos
der einzige konstante, der während der ganzen vierzehn Jahre seines Bestehens uneingeschränkt galt.
Das Ethos ist das wesentlichste Kriterium zur Beurteilung des Bauhauses. Die einzelnen Zielsetzungen
änderten sich mit der Zeit. Den Beginn charakterisierte eine romantische Phase, in der von der
Gemeinschaft der Handwerker, durchaus noch im Sinne von Morris und Ruskin, die Rede war.
Der schon im 19. Jahrhundert vorbereitete Gedanke einer Erziehung durch manuelles Tun wurde
in der Bauhaus-Konzeption von Gropius abgewandelt und künstlerisch differenziert; bei Itten,
Moholy -Nagy und Albers wurde dieses Gedankengut zu einem grundlegenden Bestandteil des
Elementarunterrichts. Im Jahre 1923 proklamierte Gropius, dass Kunst und Technik eine neue
Einheit bilden sollten, in der ästhetischen Durchdringung der technischen Zivilisation — und damit
ihrer Humanisierung — wurde eine in die Zukunft weisende Aufgabe erkannt; die etwas vage
Vorstellung von einer idealen Gemeinschaft der Handwerker wurde in der im Bauhaus geübten
Arbeitsgemeinschaft und ihrer funktionsbedingten Arbeitteilung präzisiert. Hannes Meyer systemati-
sierte und rationalisierte den Schaffensprozess, speziell in der Architektur, und unterstrich das soziale
Moment; zugespitzt gesagt, wurde der Akzent von der Gemeinschaft der Schaffenden auf die
Gemeinschaft der Verbraucher verlegt, deren Bedürfnisse es unter wirtschaftlich schwierigen
Umständen zu stillen galt. Mies van der Rohe erhob den Qualitätsbegriff zur höchsten Norm,
wobei er mit seinen eigenen Bauten das Beispiel abgab. Dem sozialen Gesichtspunkt liess diese
Qualitätsforderung wenig Raum, dennoch kann man — wie es die Tätigkeit Hilberseimers beweist,
der damals neben anderm an einem variablen Haus für eine wachsende oder sich verkleinernde
Familie arbeitete — auch von der letzten Entwicklungsphase des Bauhauses nicht behaupten, der
Gedanke einer gemeinschaftlichen Verpflichtung über die pädagogische und beruhiche Aufgabe
hinaus habe gefehlt. Aus allen vier Perioden, in die man die Geschichte des Bauhauses aufgliedern

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