Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Karl Mang

Aufgabe der Avantgarde in der Zeit der Massenmedien

Wie sehr heute der Begriif der Avantgarden in
Frage steht, zeigen wohl am besten die Vorgänge
bei der Eröffnung der Triennale in Mailand.
Gewiss hat sich diese Institution im Laufe der
letzten Jahre von Möglichkeiten einfacher Präsen-
tation oder der Gegenüberstellung gut geformter
Gegenstände zu einem Forum entwickelt, das
zumindest auf dein italienischen Sektor ,,gestal-
tungsmässig" Diskussionen gesellschaftskritischer
Art anregte. Von dieser Perspektive aus gesehen,
als Form einer neuen Präsentation oder einer
gewagten Ausstellungstechnik, mag die vergan-
gene Triennale als avantgardistisch bezeichnet
werden. Ob aber damit die tatsächlichen Nöte
unserer Zeit, ihre Probleme der Architektur und
der Umweltgestaltung einer Klärung oder Lösung
zugeführt wurden, wagte selbst ein kritischer
Besucher nicht mehr zu entscheiden. Ich bin über
die Vorgänge bei der Eröffnung der diesjährigen
Triennale nur wenig informiert. Es dürfte festste-
hen, dass mit dem ,,sit in" von Künstlern und
Studenten die ungestüme Fragestellung der Jugend
von heute sowohl in der westlichen wie in der
östlichen Gesellschaftsordnung nun auch in den
Bereich der Gestaltung eingedrungen ist.
Man sagt, dass die hohe Qualität der Aus-
stellungsgestaltung einzelner Länder den Beifall
aller Massenmedien, wie Fernsehen, Rundfunk,
Zeitung finden würde. Damit wäre die gewünschte
Sensation gegeben und nach heute üblicher
Meinung das Ziel einer Avantgarde erreicht.
Gerade in diesem Augenblick aber geschieht etwas
Neues, nicht mehr dem üblichen Klischee Ent-
sprechendes: eine andere Gruppe, die sich na-
türlich ebenfalls als Avantgarden bezeichnet, pro-
testiert in revolutionärer Weise gegen eine als
avantgardistich bezeichnete Institution. Man sagt,
es wäre inneritalienische Auseinandersetzung über
den Sinngehalt der Triennale. Die neuen Revolu-
tionäre wollen, so scheint es, nun doch Heber
Wohnungen bauen, als sich überspitzten Zu-
kunftsvisionen hinzugeben. Haben wir es nicht
mit einem völlig gewandelten Begriff der Avant-
garde zu tun? Sind wir sicher, dass die Avantgar-

den immer die gesteckten Ziele erreichen, immer
richtig handeln?
Blättern wir einmal in der Geschichte der
modernen Architektur. Berichte, Bücher und
Diskussionen darüber gibt es zur Genüge, aber es
scheint mir einmal der Versuch notwendig zu
sein, manche Vorgänge aus dem 19. Jahrhundert
kritischer zu betrachten. Sozusagen als Frage-
stellung, ob sich im Laufe des letzten Jahrhunderts
nicht manche stille, unscheinbare Entwicklung als
ebenso wichtig erwiesen hat, wie Tendenzen, deren
avantgardistischer Charakter immer wieder betont
wurden.
Zweifelsohne wurde die Bewegung, die von
Thomas Carlyle, John Ruskin und William Morris
ausging, einer der tragenden Pfeiler jenes Systems,
das versuchte, die erstarrten Formen des Eklek-
tizismus über Bord zu werfen und die der neuen
Zeit nnd einem neuen Material gemässe Formen-
sprache zu finden. Wir wissen, dass diese Überle-
gungen einer sehr positiven sozialen Denkart
entsprachen, wahrscheinlich aber von falschen
Voraussetzungen ausgingen. Alle Schuld an den
Fehlleistungen des 19. Jahrhunderts wurden der
Maschine angelastet. Die Ideen einer Gemeinschaft
gleichgesinnter Künstler waren von da an aus dem
Jugendstil nnd seinen ,,Werkstätten" nicht mehr
wegzudenken, bis das Bauhaus eine weitaus
zeitgemässere Form dafür fand. Noch im Jubi-
läumskatalog der Wiener Werkstätten um 1920
wird immer wieder auf Worte von Morris und
Ruskin Bezug genommen. Trotz der Einstellung
gegenüber den sozialen Problemen ihrer Zeit
(August Endell begründet seine Schriften in einer
Zeitschrift, die den Werktätigen nahestand, mit
den Worten: ,,. . . weil Ich überzeugt bin, dass eine
tiefgehende künstlerische Kultur nur denkbar
ist, wenn Kunstsehnsucht und Kunstverständnis
in den arbeitenden Klassen lebendig und reif
werden!"), gelang es der Avantgarde des Jugend-
stil, aber auch seinen unmittelbaren Vorgängern,
nicht, die breite Masse zu erreichen.
Vielleicht ist jene in Wien erzählte Anekdote
um die Wiener Werkstätte typisch für jenen

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