Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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Geist des 19. Jahrhunderts. Als ein Verkäufer
von einer Ausstellung im Ausland zurückkehrte
und befriedigt meldete, dass man eine Sitzgruppe
der Wiener Werkstätte sechsmal verkauft hätte,
brach Josef Hoffmann in den Ruf aus: ,,Um Gottes
willen, wir müssen ein anderes Modell entwerfen! '
Es ist nicht überliefert, ob Adolf Loos für diese
Anekdote verantwortlich war. (Man muss Josef
Hoffmann Gerechtigkeit widerfahren lassen. Er
war zu dieser Zeit längst mit Problemen der Se-
rienfabrikation beschäftigt, in seiner Eigenschaft
als künstlerischer Berater der Sesselfirma Kohn,
die mit der Firma Thonet in scharfem Wettbewerb
stand).
Jenseits aller theoretischen Erwägungen wurden
im 19. Jahrhundert parallel zu der Entwicklung
zum Jugendstil aber auch Arbeiten durchgeführt,
die rein auf den Notwendigkeiten einer erhöhten
Produktion beruhten und darüber hinaus im
höchsten Masse soziale Bedürfnisse erfüllten. Als
Beispiel mag die Erfindung und Entwicklung des
Bugholzmöbels durch Michael Thonet gelten.
Überlegen wir etwa, dass Michael Thonet seinen
Bugholzstuhl Nr. 14, das erste tatsächliche Serien-
möbel, bereits 1859 in Produktion brachte. Über-
legen wir weiter, dass Otto Wagner erst dreissig
Jahre später sein eigenes Palais am Renn weg mit
Möbeln in ,,Renaissanceformen" einrichtete. Als
Adolf Loos 1899 für das vielbeachtete Café Mu-
seum Stühle aus einer Thonetserie aus wählte,
war ein Jahr vorher der Sessel Nr. 221 auf den
Markt gekommen, der zu der grundlegend einfachen
Form und Konstruktionsidee Thonet'scher Sessel
eklektizistiscb.es Beiwerk aufwies. Loos' berühmte
Abschiedsworte an seinen Sesseltischler Josef
Veillich, 1929 geschrieben, beinhalten neben dem
Loblied auf das Thonetmöbel und der Feststellung,
dass auch Le Corbusier Bugholzmöbel verwendet
hat, die Rechtfertigung seiner Ansicht, man
könne Chippendalestühle nachbauen (wie er es
in vielen seiner Wohnungseinrichtungen, etwa
im berühmten Haus Steiner, getan hat).
Aber lassen wir Adolf Loos selbst sprechen :
,,Für mich bleibt nur die bange kündenfrage:
,,Was werden sie anfangen, wenn er nicht mehr
ist?" Da die sesseltischler ausstarben, ist der
sessel, der holzsessel, auch gestorben. So sterben
die dinge. Würde der sessel gebraucht, gäbe es
einen würdigen nachwuchs. Die nachfolge des
holzsessels wird der thonetsessel antreten, den

ich schon vor einundreissig Jahren als den einzigen
modernen sessel bezeichnet habe. Jeanneret (Le
Corbusier) hat das auch eingesehen und in seinen
bauten propagiert; allerdings leider ein falsches
modell. Und dann die korbsessel. In Paris, in einem
schneidersalon, habe ich rotlackierte korbsessel.
Im Speisezimmer meines letzten Wohnhauses —
es ist das in der starkfriedgasse, Wien, und bildet
einstweilen noch den schrecken harmloser win-
tersport.ler — thonetsessel" J
Loos' souveräner Angriffsgeist vergass anschei-
nend, dass Josef Hoffmann 1903 die Sessel seines
Sanatoriums Purkersdorf bei der Bugholzhrma
Kohn bestellte und Otto Wagner beispielsweise
die Hocker der Postsparkassenhalle, die heute
noch zu den besten Möbeln ihrer Zeit zählen, von
Thonet liefern liess. Er vergass auch, dass es um
1929 keinem Avantgardisten eingefallen wäre,
Chippendale zu bauen . . .
Stellen wir nun fest, dass ein einfacher Tischler,
der sehr früh die Idee der Industrialisierung
begriffen hatte, mehr als dreissig Jahre vor den
Neuerern der modernen Architektur jene wahrhaft
grosse Leistung im Möbelbau — wenn Sie wollen
in der industriellen Formgebung — vollbrachte, die
den Avantgardisten heute, nach hundert Jahren,
dazu bringt, für seine Wohnung Thonetsessel beim
Antiquitätenhändler zu erstehen.
Was aber sollen diese Vergleiche? Vielleicht
einmal zu zeigen, dass es für den Zeitkritiker nicht
ganz so einfach ist, zu erkennen, wer eigentlich
der Avantgarde angehört. Es kann nicht geleugnet
werden, dass über den Jugendstil, dessen Wurzeln
ja bei Morris und Ruskin liegen, die moderne
Architektur mitgeformt wurde. Insoferne war die
Suche nach einer neuen Form tatsächlich avant-
gardistisch, in Worten, in Gedanken, im Wollen.
Thonet, als typischer Vertreter des dem Hand-
werksstand entwachsenen Industriellen des 19.
Jahrhunderts, hat, wahrscheinlich unbewusst, wert-
vollste soziale Arbeit geleistet: einfach dadurch,
dass sich Menschen, die sonst niemals in der Lage
dazu gewesen wären, Sessel kaufen konnten,
Möbel um billigstes Geld. Zu seiner Zeit war er
allerdings für die Kunstkritik nicht existent.
Zweitens steht hier der Begriff Avantgarde und
Anonymität zur Frage. Thonets Sessel waren
Produkte, von denen wir nicht wissen, wer sie
entworfen hat. Man sagt, einer der Söhne Thonets
hätte in einem Winkel der Fabrik in Koritschan

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