Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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grundsätzlich Neues vorgetragen worden. Es
ist wirklich das ,,Neue an sich", es ist die Revo-
lution an sich, die permanente Revolution, die
Revolution als neue Gottheit; es ist ein neuer
Kult, eine neue Religion als religiöser Atheismus,
da hier gewaltig aufersteht. Ist es ein Zufall, dass
der mechanistische, undialektische Materialist Bu-
charin dieser Kunst zeitweise Gevatter steht-, dass
Leo Trot-zky sie begrüsst und theoretisch recht-
fertigt, dessen ,,permanente Revolution", als
immerwährende Revolution einer Ersatzreligion
gleichkommt- und dass in weiterer Folge während
der kommenden Jahrzehnte die Ideologie des
Trotzkismus als irreale, rein theoretische Welt-
Revolution in abstracto in nicht wenigen Ateliers
und Künstlerklubs der abstrakten Maler der
spätkapitalistischen, bürgerlichen Gesellschaft Zu-
gang findet? Es ist so wenig Zufall, wie dass Bog-
danoff. der seinerzeitige Theoretiker des russischen
Machismus, den bereits Lenin zwölf Jahre vorher
durch sein philosophisches Hauptwerk ^Materialis-
mus und Empiriokritizismus" in die Schranken
gewiesen, zum Theoretiker des ,,Prolet-Kult"
geworden. Es stellt sich heraus, dass diese alle
dieselbe ideologische Wurzel besitzen: die ab-
strakte Radikalität des Metaphysikers, dessen
obergött-lichte Revolution in vorrevolutionären Zei-
ten stets auftaucht, die Revolution dann begleitet
und verwirrt, um sie weiter in Übersteigerung
der realen, historisch möglichen Revolution zu
verlassen und zuletzt diese als ,,Verrat an der
Revolution" zu bekämpfen, ein Vorgang, der sich
fast überall und zu jeder Zeit in verschiedenen
Formen wiederholt und die reale Revolution gefähr-
det, sogar aufhält oder verlangsamt.
Aber die politischen Revolutionäre? — Das
Neue an sich ist nicht revolutionär, entgegnet
Lenin den futuristischen und konstruktivistischen
Künstlern. ,,Warum sollen wir uns von dem
wahrhaft Schönen abwenden, nur weil es ,alL ist?
Es gibt hier viel künstlerische Heuchelei, und
natürlich auch unbewusste Ehrfurcht vor künst-
lerischen Moden . . . Ich bin nicht imstande,
die Erzeugnisse des Expressionismus, des Futuris-
mus, des Kubismus und der sonstigen ,Ismen' für
die höchste und letzte Offenbarung des künst-
lerischen Genius zu halten . . . "Das Reine an

sich ist nicht wirklich, entgegnet Lenin den
abstrakten Malern: ,,Die alten utopischen Sozia-
listen bildeten sich ein, dass man zunächst nette,
blitzaubere, vorzüglich gebildete Menschen er-
ziehen und aus ihnen dann den Sozialismus auf-
bauen werde. Wir haben stets darüber gelacht
und sagten, dass das ein Puppenspiel, dass das ein
Zeitvertreib für Backfische des Sozialismus sei,
aber keine ernsthafte Politik." Die Revolution
findet sich nicht in den Händen lilientragender
Engel, reiner Geister, sondern sie wird von ar-
beitenden Menschen getätigt, und erst noch von
Menschen, die einer egoistischen Gesellschaft
entsprossen; die Pflanzen der Revolution werden
nicht im geschützten und gewärmten Treibhaus
gezüchtet, sondern sie wachsen an der rauhen
Luft der Wirklichkeit, auf dem steinigen Boden
der existierenden Gesellschaft.
Also keine Kunst des reinen Geistes tut not,
keine Kunst im gesellschaftlich luftleeren Raum,
keine esoterische Kunst für wenige, für Eingeweihte,
aber auch keine Kunst der Willkür, des ret-horischen
Lärms, der pathetischen Geste, des individualis-
tischen Aufruhrs und der mystischen Ekstase,
ebenfalls nicht eine Kunst als Mythos; keine Kunst
als reines Aesthetikum, aber auch nicht als blosses
Politikum, sondern eine Kunst als beispielhafter
Entwurf der Wirklichkeit, eine Kunst als Kennt-
nis-Erkenntnis-Bekenntnis in dialektischem Ver-
hältnis zur geschichtlichen Realität, als forschende,
entdeckende und ändernde Haltung zur Welt.
Die grundsätzliche Auseinandersetzung zwi-
schen proletarischer Revolution und abstrakt-
konkreter Kunst beginnt sich abzuzeichnen: Be-
reits am 8. Oktober 1920 entwirft Lenin anlässlich
der Tagung des ,,Prolet-Kult" eine Empfehlung,
die dann vom Zentralkomitee der Kommunisti-
schen Partei und vom ,,Kollegium des Volkskom-
missariats für Volksbildung" diskutiert und ge-
nehmigt wird. Der definitive Text des Abschnittes
I lautet: ,,Der Marxismus erlangte seine welt-
geschichtliche Bedeutung als Ideologie des revo-
lutionären Proletariats dadurch, dass er die
wertvollsten Errungenschaften des bürgerlichen
Zeitalters durchaus nicht ablehnte, sondern im
Gegenteil sich alles Wervolle der mehr als zwei-
tausendjährigen Entwicklung des menschlichen
Denkens und der menschlicher Kultur aneignete
und verarbeitete. Nur die weitere Arbeit auf dieser
Grundlage und in dieser Richtung, beflügelt

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