Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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bildet, sondern heranzüchtet. Zugleich entstehen
jetzt fast täglich neue Ismen, und zum Futuris-
mus, Expressionismus, Purismus, Kubismus, Or-
phismus, Rayonnismus, Suprematismus, Tatlinis-
mus, Konstruktivismus, Synthetismus und Nicht-
Objektivismus gesellen sich der Kosmismus, Ma-
ginismus, Dynamismus, Ego-Futurismus, Biome-
chanismus . . ., und ein jeder beansprucht, der
beste und einzige Führer zu sein in der künstleri-
schen Revolution, die der politischen Revolution
völlig entspreche; ein jeder behauptet, den ^wah-
ren Kommunismus" zu vertreten, ein jeder
vermeint, allein die Zukunft gepachtet zu haben.
Am lautesten gebärdet sich die ,.Prolet-Kunst"
des neuen ,,Prolet-Kult", der ,,Kubo-Futurismus",
wie er sich nennt. Tatsächlich ist er eine Art
Synthese von Picassos Kubismus, von der ku-
bistischen Plastik der Laurens, Duchamp-Villon,
Pevsner und Lipschitz, von Tatlins Konstrukti-
vismus und zuletzt von Marinettis futuristischem
Pathos. Ja, er steigert all die vorherigen Ismen
noch weiter ins Extreme, er ^vergesellschaftet
die Gefühle", um seine eigene Formel zu gebrau-
chen. Es ist nun diese ,.Prolet-Kunst", die ,,die
Dynamik revolutionärer Zerstörung aus dem
Kosmischen ableitet", die die ,,abstrakte Defor-
mierung" als eine sich selbstsetzende Kunst, als
eine völlig aus dem Nichts entstehende Schöpfung
manifestiert und das gesamte vorherige Erbe,
ganz im Sinne des italienischen Futurismus als
alten nichtswertigen Plunder beiseite wirft. Es ist
die Revolution an sich!
Ja, diese Kunst geht so weit, dass sie die neuen
öffentlichen Denkmäler in kubo-futuristischen
Stil, gewidmet allen grossen Revolutionären und
Aufrührern der Menschheit, nicht nur aus Mangel
an bleibenden edlen Materialien, sondern aus
grundsätzlichen Erwägungen heraus mit ver-
gänglichen, billigen Werkstoffen wie Gips oder
Karton erstellt; dass sie in weiterer logischer
Folge erklärt, die Kunst sei veraltet und der
Künstler als solcher nichts anderes mehr als ein
Vorurteil der Vergangenheit eingedenkt des Satzes
von Karl Marx: in einer kommunistischen Gesell-
schaft gibt es keine Maler mehr, sondern nur noch
Menschen, die unter anderm auch malen: dass sie
als urbanistische Vision in völlig neu gestalteten
Städten, bestehend aus industriel) hergestellten
Elementen, Landeplätze vorsieht für ausserpla-
netarischc fremde Kosmonauten aus dem Uni-

versum; dass sie als Ouverture des kommenden
kommunistischen industriellen Zeitalters in letzter
Konsequenz Konzerte veranstaltet, deren einzige
Instrumente Fabriksirenen sind und die vom
höchsten Dach der Stadt aus mittels Signalfahnen
dirigiert werden. — Alles ist völlig neu, alles ist
dynamisch, alles ist vorübergehend, alles ist monu-
mental und übersteigert, alles spielt sich in Ekstase
ab und erst noch in einer dünnen, eisigen und
stürmischen Luft eines gesellschaftlichen Hima-
laya.
Und alles, was je in den kommenden Jahrzehnten
innerhalb der bürgerlichen Abstraktion der spät-
kapitalistischen Welt die herkömmlichen Ordnung-
gen überschreitet, ekstatisch das Pathologische
streift, nihihstisch den natürlichen Raum verlässt,
sogar ans Absurde grenzt, das ist hier in diesen
ersten paar Jahren der Russischen Revolution
vorweggenommen, und zudem noch, das ist fest-
zuhalten: weit kühner und gewaltiger, konse-
quenter und genialischer, kräftiger und radikaler.
Wirklich, alles ist vorweggenommen: Schwitters
,,Merz" ist bei Scherschenjewitsch zu finden,
Tschicholds ,,funktionelle Typografie" in den
Gedichtbänden und Kinderbüchern dieser Zeit,
die ,,funktionellen Plakate" in Gastjeffs Aufrufen,
die ,,funktionelle Architektur" in Tatlins Ent-
würfen und Projekten, die Forderung der Stiji-
Gruppe und des Bauhauses nach einer Kunst,
die als ,,schöpferische Erfindung", als ^energe-
tische Ökonomie" sich eng mit der Wissenschaft
verbinde, bei Malewitsch, die Photomontage Rau-
schenbergs bei Derschawins Bühne, die ,,Meta-
matics" Tinguelys, der Lichtrotor Goepferts, die
kinetischen Skulpturen Schoeffers oder Haeses
bei Meyerchold und Tatlin, die Exzentrik des
amerikanischen Balletts bei Forregger, die Wort-
lehre der abstrakten Semantiker bei Chlebnikoff,
Schklowsky und Tomaschewsky, Mitscherlichs
Irrelevanz des ,,unten und oben" eines abstrakten
Bildes bei den Suprematisten Jakuloff und Erd-
mann, der Ausspruch Henry Adams von Dynamo
als neuer Marienstatue bei Krinsky, die These
Walter Benjamins: die metaphysische und daher
falsche Autorität des Kunstwerkes als Mythos
werde aufgehoben werden, ebenfa))s bei Male-
witsch . . .
Tatsächlich, nie vorher in der gesamten Ge-
schichte ist die Kunst zeitlich und örtlich solcher -
massen konzentriert und konsequent als etwas

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