Ars: časopis Ústavu Dejín Umenia Slovenskej Akadémie Vied — 3.1969

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mus als ,,Kunst der Revolution", die beide ein-
seitige Verabsolutierungen sind, sogar Mystifi-
zierungen.
Aber Lissitzkys These ist noch mehr: sie ist
der Schwanengesang der revolutionären Epoche,
die von 1917 bis 1930 dauerte; was folgt, das ist
die Evolution als vermehrte Straffung der Partei-
diktatur, das ist die Einengung und Dogmatisie-
rung der Doktrin, das ist angesichts des sich
ausbreitenden, kriegsschwangeren Faschismus in
Westeuropa und der Krisensituationen, des Welt-
kapitalismus die Konzentration aller Kräfte auf
den Ausbau der schwerindustriellen Basis, das
ist in weiterer Folge die unerbittliche Indienst-
stellung und Indoktrinierung der gesamten Kultur
auf diese geschichtlich notwendige Vereinfachung
hin. Das Engagement des schöpferischen Menschen
wird materiell wie geistig total und direkt, und
von den drei Seinskategorien als Wirklichkeit,
Möglichkeit und Hoffnung bleibt jetzt mehr als
zwanzig Jahre lang nur die Wirklichkeit. Neue
Möglichkeiten ergeben sich erst nach Beendigung
dieser Aera, in deren Mittelpunkt die Ungeheuer-
lichkeit des Zweiten Weltkrieges, die schreckliche
Zerstörung weiter Teile der Sowjetunion und der
Verlust Millionen von Menschen gestanden; neue
Hoffnungen erweisen sich erst heute, zwar noch
unter immensen Schwierigkeiten, aber in nicht

geringer Zahl von jungen Dichtern und Malern
mit einem neuen differenzierten Wissen. So könnte
es sein, dass die Synthese: Revolution der Kunst
als Kunst der Revolution doch noch verwirklicht
wird; sie. wäre jedoch eine verspätete, historisieren-
de Angelegenheit, da die Revolution in Russland
bereits der Geschichte angehört: man feierte
doch den fünfzigsten Jahrestag des Oktober 1917.
Wie die englische Revolution des siebzehnten
Jahrhunderts den Dichter Milton gefunden, so
die Russische Revolution des zwanzigsten Jahr-
hunderts den Dichter Majakowski — beide fanden
ihren genialen Maler nicht, während die Fran-
zösische Revolution des achtzehnten Jahrhunderts
in David ihren grossen Maler fand, aber keinen
genialen Dichter. Nur einmal in der Neuzeit sind
wirkliche Genien als Dichter und Maler beisammen:
die Französische Revolution des neunzehnten
Jahrhunderts kennt Delacroix und Baudelaire. —
Grosse Revolution als beispielhafter Entwurf
der Möglichkeit und Hoffnung ist eine ganz
besondere und seltene Sache; grosse Kunst als
beispielhafter Entwurf der Wirklichkeit ist eben-
falls eine ganz besondere und seltene Sache. Die
Identifikation beider ist eine noch grössere und
seltenere Sache.
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