Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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Ich bezweifle, ob das in starkern Maße jetzt möglich ist. Die Zustände
sind eben im Kriegszustande durch und durch „unnormal", und so ist sehn-
lichst zn wünschen, daß der angekündigte „Abbau" der Zensur bald ge-
schehen könne. Zu einer Meinung darüber, ob er trotz des Andrängens
neuer Feinde jetzt während der Gipfelzeit des Weltkrieges tatsächlich
schon möglich ist, halten wir für unser Teil uns jetzt ebensowenig für befähigt,
wie seinerzeit zur Stimmabgabe über den Tauchbootstreit. Der erste
Schritt zum Selbstschutz ist aber die Erkenntnis der Sachlage. Das Be-
wußtsein davon, daß die Zeitung das Volk jetzt nur mit einer Art von
Kriegsnahrung versehen kann, die aus ganz entsprechenden Gründen
mangelhaft sein muß, wie die Kriegsnahrung der materiellen Lebens-
mittel — dieses Bewußtsein könnte, meinen wir, weit offenherziger ver-
breitet werden, als meistens geschieht. Ferner: es könnte wohl allerlei
mündlich geschehn, was im Druck nicht angeht. Unsre Volksbüchereien
und Lesehallen könnten manchenorts den Fragenden Rat und Auskunft
auch über Zeitungswesen geben, sie könnten da und dort vielleicht sogar
„Äbungen im Zeitunglesen" für „Presse im Kriegszustand" veranstalten.
Großzügige tzilfe bringt freilich das alles nicht, es heißt eben auch hier:
durchhalten.

Dann aber, im Frieden, werden wir nach den praktischen Lehren dieser
Zeit für die weitere Gestaltung unsrer Presse fragen. Der große Auf»
klärer Krieg hat uns an den Feldzeitungen bewiesen, was im Frieden
für unmöglich galt: daß eine Presse ohne „Annoncenrückgrat" möglich ist,
und das bedeutet für den Eingeweihten sehr viel mehr, als für den Nicht-
kenner unsrer Preßverhältnisse. Man lese darüber, was Dreyhaus in
diesem tzefte am Schluß seines Beitrages über Feldzeitungen schreibt.
Einfach übertragen lassen sich die Erfahrungen und Einrichtungen des
Krieges sicherlich nicht. Wenn aber der Gedanke der Volkswirtschaft mit
geistigen Gütern endlich einmal Gemeingedanke wird, so daß man Papier,
das Gedanken trägt, auch wirtschaftlich nach andern Grundsätzen verwaltet,
als Papier zum Wursteinwickeln, dann wird man auch von diesen Erfah-
rungen Nutzen ziehn.

Die neue Nichtung irn deutschen Schrifttum

as Rad hat sich wieder einmal gedreht: wir haben eine „neueste
Literatur". Mcht nur längst Begrabene oder doch „Begrabene^
wie Ibsen, tzauptmann, Schnitzler, Keyserling sind für die Neuesten
nun „überwunden", nicht nur ihre Iünger und Nachfolger, sondern auch
die Geschlechter eines tzofmannsthal, Schröder, tzardt, auch die Gruppe
Paul Ernsts, Wilhelms von Scholz und anderer „Neuklassiker". Selbst
Lissauer, der eben erst „modern" gewordene, ist schon wieder in die Nähe
der Veralteten gerückt. Das Dasein der Iüngsten selbst aber wird nicht
nur bewiesen durch die fünfzig oder hundert Bücher, die da vorliegen und
ein neues Kapitel dereinstiger Literaturgeschichte bilden. Auch alle andern
Anzeichen einer Gruppenbildung mit dem Willen zur Macht werden deut-
lich. Die Neuesten haben das Wichtigste: zwei Verlagsanstalten, die sich
fast ausschließlich ihnen widmen — Kurt Wolff in Leipzig (der sich manch-

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