Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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Unsre BUder und Noten


^«^er Leser weiß nrchts von Helene Zadnick, wir haben bis vor
/kurzern auch noch nichts von ihr gewußt, und nun überlassen wir
ihr doch gleich das Vorsetzbild vor diesem Heft und die Kopfleiste
über dem Leitaufsatze. Weil wir sie für eine „Große" halten? Nein,
dafür halten wir sie nicht. Aber: weil Weihnachten ist, und weil uns
in dieser jungen österreichischen Deutschen aus dem Wandervogel-Kreise
das volkstümliche Empsinden lebendig scheint, das wir in unserm
Weihnachtsfeste immerdar lebendig wünschen. Und zwar verbunden so»
wohl mit poetischem Sinn wie mit bildnerischer Anmut.

Lin -Seitenstück dazu aus demselben Geiste ist das Christengel-Bildchen
von Karl Rübner, das wir an den Schluß des tzeftes setzen.

Die drei holzgeschnitzten tzeiligen Antonius, Augustinus und Hierony«
mus stammen vom Isenheimer Altar. Man sollte neben den über-
wältigenden Gemälden Grünewalds diese Gestalten nicht übersehn; nicht
eines Wesens mit ihnen, sind sie doch immerhin auch Meisterwerke. Wer
sie gefertigt hat, ist unbekannt. Sie zeigen, wovon in dem Aufsatz über
Schnitzaltäre die Rede ist, wie auf dem Boden der tzandwerkskunst hohe
Kunst erwuchs. Alle drei Figuren sind mit der technischen Meisterschaft
gearbeitet, die man in der späten Gotrk errang. Das Schnitzmesser sucht
mit wahrer Freude allerlei Kunststückchen zu machen. Wie sind Haar
und Bart aufgelockert, wie die tiefen tzöhlungen der Falten behandelt!
Der heilige Antonius (kenntlich an seinem Attribut, dem Schweinchen,
das unter dem mächtigen Mantel bescheidentlich hervorlugt) ist der noch
am meisten gotische unter den drei tzerren. Die Körpergestalt bleibt
etwas unklar unter dem Mantel, das Sitzen ist infolgedessen gleichfalls
nicht voll herausgekommen, man hat den Eindruck des schwebenden Thro-
nens. Die Gelehrtenfinger sind noch ein wenig gespreizt. Das Gottvater-
gesicht des tzeiligen, von gewaltigem Umfang im Verhältnis zum Körper,
ist gotisches Ideal. Bei den beiden andern sieht schon deutlicher italieni«
scher Linfluß herein, Ideale der Renaissance wirken mit. Wundervoll
bei beiden der große Iug der Falten, hier des aufgehobenen, dort des
herabwallenden Mantels. Vor allem aber, welche Köpfe! Porträtköpfe
sicherlich. Bei Augustin (dem Bischof) das kraftvolle Gesicht des herrschen-
den alten Mannes, ein gewaltiger Mund, feste Falten, Läsarenaugen.
Ganz anders die weichere Struktur des tzieronymusgesichts. (tzieronymus
rst der in Kardinalstracht, der seine Vulgata im Buchbeutel bei sich trägt,
sein Attribut, der zahme Leu rst hier nur kompositorisch gut verwendetes
Ornament). tzieronymus hat die Augen des Mystikers, die Inneres
schauen. Man vergesse nicht, das Laubwerk überm tzaupt des Antonius
zu besehn. Gegen Ende des fünfzehnten Iahrhunderts verwandelt sich
das Maßwerk immer häufiger rn Ranken, schließlich in Blattwerk. tzier
haben wir nun stark naturalistisches, sehr fein gearbeitetes Wein- und
Lichenlaubgerank mit Früchten, darin hurtige wippende Singvögel, die
von den Früchten und Trauben picken. Zwischen dem lustigen Getier
fehlen aber nicht zwei Käuzchen, die sich wie symbolisch links und rechts
vom tzaupte des tzeiligen niedergelassen haben. Das Auge und Tastgefühl
werden nicht müde, dem verschlungenen Gerank zu folgen. (Diese Blätter

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