Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

Page: 14
DOI issue: DOI article: DOI article: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/deutscherwille30_1/0030
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
entgegengehen, das vermag freilich niemand zu sagen. Darüber ent»
scheidet die einfache Sachlage: ob solche Persönlichkeiten im stillen da
sind oder nicht. Wer viel Schöpfungen jüngerer Tonsetzer zu sehen
bekommt) wird die tzoffnung nicht sinken lassen. Es kündigt sich manch
ein Mann von eignem Gesicht an. Die schönste Frucht des „Stillstands"
von heute wäre es, wenn er den Willen zu sich selbst bei den Kommenden
reifen und erstarken ließe. Das deutsche Volk, das sie brauchen, wird sich
ihnen kaum verschließen. Franz Gürtler

Wölfflins „Kunstgeschichtliche Grundbegriffe"

^^n aller Geschichtsforschung können wir zwei verschiedene Erkenntnis«
^^triebe unterscheiden. Der erste will wissen: was und wie es gewesen
E)ist. Aus ihm entspringt das Bemühen, den SLoff möglichst einwand-
frei und lückenlos zusammenzutragen und zu ordnen. Liegt nun aber ein
größerer Stoff geordnet vor, so fühlen wir uns noch keineswegs befriedigt,
es treibt uns, ihn „von innen heraus" zu „verstehn", nämlich einerseits
die „treibenden Kräfte", anderseits den „Sinn" all des Geschehens zu be«
greifen. Beides erfordert ganz neue Einstellungen der Arbeit auf den
Gegenstand, es handelt sich nicht mehr um das Aufspüren des Stoffes,
sondern um das Aufspüren des Gesetzlichen und des Allgemeinen im Stoff,
also nicht um stoffkritische, sondern um begriffskritische Arbeit. So taucht
denn in der Geschichtswissenschaft nach den Zeiten starker Stofferweiterung
die Frage auf: warum häufen wir all den Stoff? Welchen Sinn hat dieses
unser Tun? Und alsbald setzen die Versuche der Begriffsklärung ein.

In der Kunstgeschichte ist es vor allem tzeinrich Wölfflin gewesen, der
die Forschung bewußt in diese Richtung drängte. „Während die Kunst-
geschichte nach ihrer stofflichen Grundlage durch die Arbeit der letzten
Generation fast überall und von Grund auf eine neue geworden ist, haben
die Begriffe, mit denen diese Tatsachen für die geschichtliche Erkenntnis
verarbeitet werden sollen, sich weniger verändert." „Und doch sind wir ja
darin alle einig, daß, wenn der Denkmälerbestand vollkommen geordnet ist,
die eigentliche kunstgeschichtliche Arbeit erst beginnt." Seine Werke zeigen,
wie er Schritt für Schritt üm Klärung und Vertiefung der für die Kunst«
geschichte wesentlichsten Begrisfe ringt. Sein neues Buch über die „Kunst«
geschichtlichen Grundbegriffe" * ist eine Erfüllung dessen, was schon in
seiner Schrift von ^888 „Renaissance und Barock" angelegt war. Aus
seinem besondern Forschungsgebiet heraus entwickelt Wölfflin die kunst»
geschichtlichen Begriffe, die ihm als die G r u n d begriffe erscheinen, und
eben damit seine besondere Anschauung vom Wesen und von den Auf»
gaben der Kunstgeschichte überhaupt.

Kunstgeschichte ist für Wölfflin nicht Geschichte der Künstler, sondern
der Kunstw erke. Er geht aus von den sichtbaren Ergebnissen des Kunst-
schaffens, wie den Zeichnungen, Gemälden, Plastiken, Bauten. Wölfflins
Methode ist das Vergleichen: er vergleicht systematisch, man möchte
sagen „experimentell" bestimmte Kunstwerke auf bestimmte Eigenschaften hin.

Der Vergleich von Kunstwerken ergibt drei Schichten von Verschieden-
heiten. Zunächst die qualitative Verschiedenheit, etwa: das eine Werk

^ Antertitel: „Das Problem der Stilentwicklung in der neueren Kunst".
Verlag von F. Bruckmann, München. 255 Seiten. lO Mk. gebunden.
loading ...