Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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und auch nicht von fertigen Parteimeinungen mit Beschlag belegen lassen
wollen. Hans Herter

Eine Erörterung dieser Fragen von anderm Standpunkte aus behalten
wir uns vor. K.-L. ^

Zn Sachen flämischer DichLung

Zur Eröffnung der flämischen Hochschule zu Gent

>-^v^ir sollten uns um das in seiner ganzen Art uns so nahe stehende
V ABrudervolk der Flamen mehr noch unsert- als seinetwillen küm-
^^^mern. Ein Volk, das die Namen: Ian van Eyck, Roger van der
Weyden, tzugo van der Goes und tzans Memling in die Kunstgeschichte
gerufen hat, erwarb damit ein Recht auf das gute Vorurteil, daß es auch
sonst etwas könne, das kennen zu lernen sich lohne. Es steht denen eine
erfreuliche Äberraschung bevor, die das Heft „Vlämische Dichtung" prüfen,
das bei Diederichs herausgekommen ist. Einige Dinge stehen aus
tendenziösen Gründen darin. Sieht man davon ab, so wird man,
glaube ich, betroffen sein von der Kraft, mit der sich hier lebhaftes Natur-
gefühl und warme Gemütsversenkung sehr deutsch durchdringen. Es ist
etwas wie ein mystischer Zusammenhang zwischen Menschen- und Natur-
erleben, ein sehr eindringliches Mitempfinden mit allen Dingen. Die
Lieder von Pol de Mont, leider nur zwei, haben auf mich wie eine dich-
terische Offenbarung gewirkt. Doch auch den etwas älteren Priesterdichter
Guido Gezelle kennen zu lernen oder seinen Zeitgenossen Albrecht Roden-
bach (880) und nicht zuletzt den tapferen Rene de Clercq war mir eine
Freude. Ich notiere noch Willem Gijssels, Firmin van tzecke, Omer
K. de Laey, L. Lambrechts und Prosper van Langendonck.

G

gk^ie flämische Bewegung stand von vornherein unter einigen sehr großen
^Schwierigkeiten. Die niedere Geistlichkeit ist teilweis geradezu Vor-
kämpfer der flämischen Bewegung gewesen, die höhere dagegen war und
ist sranzösisch gesinnt und arbeitet der flämischen Sprache als der Sprache
der Ketzer entgegen. Sie sorgte durch ihre Schulpolitik dafür, daß sie die
Erziehung der gebildeten Stände in die tzand bekam, und erzog und er-
zieht sie französisch.

(Die Provokationen des Kardinals Mercier sind religiös gewiß
minderwertig, diplomatisch aber sind sie genau das, was einem wallonischen
Politiker die Klugheit zurzeit gebieten muß. Sein ganzes Interesse hängt
daran, den durch den deutschen Linmarsch erzeugten tzaß der bisher stets
deutschfreundlich gewesenen Flamen gegen die Reichsdeutschen wach und
wütend zu erhalten, den die weise Politik unsres Generalgouverneurs sonst
vielleicht zum Erlöschen kommen ließe. Mit dem Gelingen einer solchen
deutsch-flämischen Versöhnung würde nicht nur der Gegensatz zwischen
Flamen und Wallonen sondern auch der zwischen niederer und höherer
Geistlichkeit in Belgien wieder aufwachen. Doch das nebenher.)

Man wird von hier aus die Schwierigkeit, die von Anfang an bestand,
noch besser verstehen und würdigen. Die niedere Geistlichkeit zu franzö-
sieren gelang dem höheren Klerus nicht, weniger aus Mangel an Ge-
schick oder Tatkraft als aus sachlichen Bedenken: solange das Volk selbst,
auf das der niedere Klerus doch Einfluß behalten mußte, in seiner Mehr-

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