Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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viel zu tun. Ein jetzt naHträgliches Rabiatwerden ohne Linflußmöglich»
keit auf die Deutung würde für die Gegenwart nichts nutzen, für die
Zukunft alles verderben. GeorgStolterfoth

Amerikanische Friedenspolitik

as Volk der Vereinigten Staaten — nicht nur Wilson und seine

Freunde — ist überzeugt, daß Amerika bei den nächsten Friedens«

verhandlungen die Rolle eines „ehrlichen Maklers" spielen wird.
Ls läßt sich darin in keiner Weise dadurch beirren, daß weder in den
Ländern des Vierverbandes noch bei den Mittelmächten von selbst eine
Stimmung dafür aufkommen will. Von einem gewissen Zeitpunkte an^
glaubt es, werde keine der kriegführenden Parteien einer amerikanischen
Vermittlung länger zu widerstreben vermögen. Sobald die Kriegsteil»
nehmer verfuchen sollten, sich unter Ausschaltung der Vereinigten Staaten
über den künftigen Frieden zu verständigen, könne und werde die ameri»
kanische Diplomatie sich Gehör und Empfänglichkeit für ihre Vorschläge
erzwingen.

Au den Bedingungen, unter denen Amerika die Friedensvermittlung
übernehmen würde, gehört nach Darstellungen in englischen Blättern auch
die, „daß die Kriegführenden Abkommen gegen den Krieg Lreffen". Um
fie leichter dazu bewegen zu können, möchte man in Amerika alle neutra-
len Staaten dafür gewinnen, sich schon vorher „Bürgschaften gegen zu--
künftige Kriege" zu schaffen, damit sie mit um so mehr Nachdruck —
selbstverständlich unter amerikanischer Führung — dasselbe gemeinsam
von den kriegführenden Mächten heischen könnten. Die nordamerikani«
sche Union will also den Schiedsgerichtsgedanken in Europa ähnlich all-
gemeingeltend machen, wie ihr das in der Neuen Welt gelungen ist. Zum
mindesten soll durch die zu vereinbarenden Schiedsverträge die Gefahr
des Ausbruchs eines Krieges um ein Iahr verzögert werden können. Nach
dem Programm der kürzlich gegründeten, von Wilson begünstigten „Liga
zur Auferlegung des Friedens" sollen sich die Signatarmächte außerdem
verpflichten, vereint und unverzüglich sowohl ihre ökonomischen wie mili-
tärischen Kräfte gegen jede andere Macht zu benutzen, die zum Kriege
übergeht, oder feindselige tzandlungen gegen einen der Signatarstaaten
begeht, bevor eine der zu lösenden Fragen dem Schiedsverfahren unter-
breitet worden ist. An der Spitze der Liga steht der ehemalige Präsident
Taft, also einer der Führer der republikanischen Partei. Seit Iahr-
zehnten gehört der Schiedsgerichtsgedanke zum eisernen Bestande der
amerikanischen Diplomatie. Er entspricht der allgemeinen Denkrichtung
des Volkes der Vereinigten Staaten und weiter Kreise der Bevölkerung
der übrigen amerikanischen Republiken. Wenn sich also gerade für
dieses Ziel amerikanischer Friedensvermittlung eine besondere Vereinigung
gebildet hat, der klangvolle Namen aus allen Parteilagern angehören,
so zeugt das für den Nachdruck, womit ihn die amerikanische Regierung
bei den Friedensverhandlungen zur Sprache bringen möchte.

Obgleich die Friedenspolitik, die jetzt in den Vermittlungsanregungen
Wilsons und in den Bestrebungen der „Liga zur Auferlegung des Frie«
dens" zutage tritt, nicht neu ist, hat man sich in Europa und besonders
in Deutschland außerhalb der Kreise der Pazifisten von der Art A. H. Frieds
mit ihr erst wenig befaßt. Fried und seine Freunde aber nahmen sie

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