Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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Zu der Frageftellung: Rutzland oder Erigland?*

Dutzenden von Zeitungen wird seit Monaten als tzauptgegenstand
^ t der politischen Erörterung die Frage behandelt, ob England oder ob
^FRußland der „tzauptfeind" sei; sie tritt auch in der Umformung auf,
ob es zweckmaßiger sei, im Friedensschluß ein mehr als nur erträgliches
Verhaltnis lieber mit England oder mit Rußland anzustreben. Meist
darf man solche Erörterungen, so viel Scharfsinn auch auf sie gewendet
werden mag, wohl als Verlegenheitserzeugnisse auffassen. Es wird ein«
mal gefordert, daß die tzauptzüge der Friedensschlußpolitik und der künf»
Ligen Friedenspolitik erörtert werden, und ein so umfassendes Problem
hat vor engeren wenigstens den Vorzug, daß es erlaubt, große Gesichts«
punkte anzuwenden, zahlreiche Kenntnisse auszubreiten, durch ungeheure
Verallgemeinerungen der Zensur der besondren Kriegszielsetzungen zu ent«
gehen. Natürlich sind alle solchen Erörterungen, soweit nicht politisch
blinder Fanatismus hinter ihnen steht, mit mehr als einem Salzkorn
gemeint und aufzunehmen; zwischen den Zeilen liest jeder politisch Den«
kende: „sofern die Kriegsergebnisse das erlauben werden^. Kein Friedens«
schluß ist ja denkbar, der nicht von der letztgültigen Kriegslage so und
eben so vorgebildet wäre.

Mit den folgenden Zeilen will ich nicht für die eine oder andre Stellung-
nahme werben, sondern in Kürze zeigen, wie verhältnismäßig schwach die
sachlichen Für- und Gegengründe einer solchen Entscheidung bei weitem
in den meisten Fällen sind und sein müssen. Es hat ja mehr als „akademi-
sche^ Bedeutung, sich der Schwäche der Erörterungen bewußt zu werden,
für die das Denken großer Volksgruppen täglich beansprucht wird. Man
spricht jetzt häufig vom Krieg als einem „politischen Erzieher" ersten Ran-
ges. Eine Fülle politischer Gedanken, ein Wissen von politisch bedeut-
samen TaLsachen, Dingen, Vorgängen fliegt heute einer früher ganz
teilnahmelosen Menge täglich zu. Aber ein solches Wissen, ein solches
sich-Berühren mit politischen Gedankengängen bedeutet noch keine
politische „Erziehung^. Gibt man einem jungen Menschen eine Aus-
wahl aus den moralischen Lehrgebäuden vom Altertum bis zur Neuzeit,
aus jedem ein paar Seiten und mit Erläuterungen von knapp viertelwissen-
schaftlicher Genauigkeit, so wird man nicht wagen, ihn nach dem Lesen
„moralisch erzogen^ zu nennen. Auch in Deutschland — wo es damit immer
noch besser steht als in gewissen Analphabeten- oder Phrasen-Ländern —
scheinen mir die Gefahren zu bestehen: einmal, daß die ungeordneten, un-
wesentlichen, „gelegentlich^ erworbenen politischen Vorkenntnisse, die größere
augenblickliche Lmpfänglichkeit für Politik gedankenlos mißverstanden
wird als politische Reife, zum andepn aber: daß sie allzu gern be-
nutzt wird, um für irgendein politisches Programm zu werben, dessen
eigentlicher Schwerpunkt anderswo als in den erörterten Sähen
liegt.

Aber, so wirft mir die Sapieha-Weisheit ein, wollen Sie im Ernst
ein Volk, eine Masse zu politisch tzochgebildeten erziehen? Wollen Sie
wirklich den alten Wahn weiterpflegen, es sei möglich, die Entscheidungen
der Vielen mit „wissenschaftlichen", streng „sachlichen" Gründen zu be-
wegen? Indessen gedenke ich mich dieser Gedankenlosigkeit nicht schuldig

* Der Aufsatz ist vor Her Kanzlerrede geschrieben, welche die Frage vom.
„Hauptfeind" streifte. Wir geben sie gerade deshalb unverändert.
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