Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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WirklichkeiL erlebt. Selbst der gottinnige Mystiker ist soziologisch gesehen
ein Mensch von sozialem Wert, keineswegs ein „schwimrnendes Weichwesen".
Selbst die ganz dem eignen Ich entströmende ekstatische Lyrik etwa des
jungen Goethe oder tzölderlins enthielt „denkendes Ich", „aufgemauerte
Persönlichkeit^, bekundete nicht knochenlose Erlebnisquallen. Nach alledem
sind die Aussichten der Iüngsten, Dauerndes zu schaffen, gering, so--
fern sie den oben angeführten Kennzeichnungen entsprechen. Ls mag
manchem Iüngsten betrüblich vorkommen, daß er nicht aus dem organischen
Menschheitszusammenhang „heraus kann", daß ein sich in Kot wälzendes
Vieh (in das man „hineinkriechen" und dessen Erleben man „miterleben"
kann) für die Menschheit und damit für die Kunst nicht ebensoviel „Wert"
hat wie die Erziehung der Menschheit oder der Weltkrieg, aber es ist nun
einmal wirklich so. Die Kunst, die sich loslöst vom Allgemeinen, ist Lot-
geboren, wenn sie auch ein Weilchen flackert, weil die Menschheit groß
genug ist, um auch für den Abseitigsten noch ein paar Genossen seiner
Abseitigkeit bereitzuhaben. Trotz dieser grundsätzlichen Linstellung, die
es erklären möge, warum wir auf viele der Allerneuesten hier nicht weiter
eingehen, bleibt es unumgänglich, Einiger von ihnen im Besonderen
zu gedenken. Denn Lrotz jenem Programmatischen: nicht alle sind Mol-
lusken und Insusorien. Eine literarische Gruppe geht ja niemals restlos
in einem Programm auf. Manche der Iüngeren haben weit mehr zu
sagen, als was ihre Lingeweide erleben. Von diesen gedenken wir aus-
führlicher zu sprechen. Wolfg. Schumann


Stillstand in der Musik?

anche werden über die bloße Frage lachen. „Panta rei! nirgends
in der Welt ist Stillstand." Tun wir das Salzkorn also eigens
hinzu, das Manche nicht aufbringen: von Relativitäten
spricht, wer überhaupt von „der Musik" spricht. Im Großen gesehen, waren
wir vor dem Kriege in ein höchstbeschleunigtes Betriebstempo gekommen.
Der „musikalischen Welt^ verging fast der Atem, soviel Uraufführungen,
Musikfeste, „Wochen" und Neuigkeitenmärkte sonst wurden abgehalten.
Und die reizsamen Zeitgenossen mußten aus unerklärlichen Gründen
immer dabei sein; es galt schon für den einen oder andern: entweder sehe
ich die Uraufführung, und wenn sie in Madrid oder Sidney stattfinden
sollte, oder ich mag das Werk überhaupt nicht sehen. Das äußere An«
zeichen davon war der Eilbetrieb der Kritik. Wohlwollende Postdirektoren
eröffneten am Ort eines der üblichen Ereignisse eigne, in besondren
Räumen auf Zeit untergebrachte Nachttelegrammschalter, vor denen sich
gedankenvoll, mißtrauisch, übelgelaunt die zwei, drei Dutzend Bericht-
erstatter der europäischen Presse bis ein oder zwei Uhr Kritiken abquälten.
Ieder Fachgenosse erinnert sich solcher wahrhaft grotesker Auftritte. Die
Größen der Kritik, das darf man sagen, haben dabei Staunenswertes ge--
leistet. Eine Unsumme von Bacherlebnissen, Gedanken, Kenntnissen, von
Witz und Geist ist in diesen Betrieb gesteckt und in ihm vergeudet worden.
Und Publicus blieb kaum zurück; mindestens seine Bereitschaft, Neues und
maßlos Vieles zu hören, hat er willig aufs Außerste angespannt und —
ebenfalls vergeudet. Denn wenig, es war nicht anders möglich, sehr wenig
konnte von dem so Gehörten und Geschriebenen innerer, bleibender Besitz
der Menschen werden. So war es denn nicht mehr noch minder als eine
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