Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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Außerdern hat sie zwischen den Sätzen mindestens so viel und Wichtigeres-
als mit den Sätzen gesagt. Wer sie mit früheren Kanzlerreden vergleicht
und seine Kenntnisse zu Rate holt, kann das lesen. Es steht für ihn dort-
nicht für seinen Stammtisch- nicht für die Straße und nicht für sein Tage-
blatt. Es steht für jene dort- die den Anterschied zwischen Wünschen und
Wollen- zwischen Hoffnungen und Möglichkeiten- zwischen Idealen und
Realitäten erfaßt häben. Mögen nicht diese Wenigen allein erkennen- daß
jedes Lockern der Verüündungskraft zwischen den Deutschen jetzt im Kriege,
jetzt auf dem Höhepunkt des Krieges am Vaterlande ein Freveln ist. A

Deutscher rmd fremder Liberalismus

^^s scheint kein Zweifel, wo die Wurzeln der modernen Kriegsgesinnung
F^liegen: Militarismus, Imperialismus, Nationalismus, Reaktion und
einige andere dergleichen algebraische — oder wenn man will
abrakadabraische — Zeichen beschwören deutlich und jedem sichtbar das
Gorgonenhaupt, von dem her alle Kriege heulen. Wir haben es nie anders
gehört und deshalb auch nie anders geglaubt. Es ist uns so sehr in die
Knochen eingedrungen- daß die nationalistischen Parteien der verschiedenen
Länder selbst sich im dringenden Verdacht haben, die eigentlichen Kriegs--
parteien zu sein. Als vor einigen Iahren in England die Liberalen ans
Ruder kamen, schrieb ein sehr konservativ und kriegerisch gesinnter tzerr:
wie man auch über Liberalismus und Pazifismus für den eigenen Ge--
brauch denke, für uns sei es jedenfalls günstig- daß England wieder
liberal und damit friedlich werde.

Nun achte man freundlichst darauf, daß es sich im folgenden nicht um
ein allgemeines Parteinehmen für Krieg oder Frieden oder für oder gegen
bestimmte Kriege oder für oder gegen Liberalismus oder Konservatismus
handelt, sondern lediglich und ganz allein um eine Frage der Tatsachen,
die wir erst dann zu verstehen suchen wollen.

G

Wir fragen also zunächst danach, wo die Kriegsgesinnung zurzeit am
starrsten und unversöhnlichsten herrscht. Im republikanischen Frankreich.
tzier will man nicht nur das feindliche tzeer vernichten. tzier soll der Feind
auch moralisch, geistig, überhaupt in jeder nur denkbaren Beziehung ver»
nichtet werden. Die geistigen Führer der Nation, durch und durch demo--
kratische Männer- befassen sich mit der traurigen Arbeit. Bergson- Bout«
roux, France, Sabatier philosophieren mit dem Dolchmesser. Wenden wir
unsern Blick nach England. Wir haben aus dem Oberhause sehr ver»
ständige Friedensreden vernommen. Der englische Liberalismus spricht
mit dem Schaum vor dem Munde. In Rußland werden dem tzofe im
Land selbst Friedensabsichten zugeschrieben: der Liberalismus trieft von
blutdürstigen Reden wider diese Absichten.

Wer hat Italien in den Krieg gehetzt? wer Portugal? Wer hetzte
in Griechenland zum Krieg? wer in Rumänien? wer in tzolland? in
Spanien? Es ist überall gerade der Liberalismus. Wer machte die
französische Revolution? wer die verschiedenen europäischen? wer die
furchtbar blutige Taipingrevolution? wer die späteren Aufstände in China?
wer den jetzigen? wer den türkischen? wer den persischen? Diese An»
gelegenheit ist so klar, daß selbst in den seltenen Fällen, in denen eine

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