Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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neille wandte und seinen Tragödien wie den Arbeiten seiner Gefolgsleuk
Holland zum Musterbild gab. So dauerte es noch geraume Zeit, ehe
Gottsched das Versäumte nachholte. Gryphius hätte eine weit kräftigere
Begabung in die Wagschale zu werfen gehabt, als Gottsched und die Mit«
arbeiter von dessen „Schaubühne". Ex zog es vor, seine Tragödien im
Sinn der holländischen Dichtung zu modeln, die in der Weltliteratur neben
dem französischen klassischen Drama nicht aufkam. Um so mehr gingen
die Leistungen des Gryphius der Weltliteratur verloren. Bicht einmal
als Bauholz wurden sie vom deutschen Klassizismus verwertet, auch nicht
von Lessing, der gern und willig von den SLoffen anderer ausging. Erst
die Romantik holte die Geschichte von Gryphius' ,Cardenio und Celinde^
wieder hervor, wich indes in der künstlerischen Gestaltung des Stoffs
durchaus von Gryphius' Bräuchen ab. Von den Linien der Lragischen
Baukunst des Gryphius ist in Arnims und Immermanns Behandlung so
wenig zu spüren wie in der neuesten Weiterbildung, in dem Drama unseres
Zeitgenossen Dülberg.

Gryphius' dramatische Technik steht in unüberbrückbarem Gegensatz zu
unsern Ansichten von Bühnenbehandlung und Bühnenwirkung. Viele
wollen in dieser Technik nur Unfähigkeit erblicken. Seltsamerweise wider-
sprechen sich die Nachrichten über Aufführung und Mchtaufführung der
Stücke des Gryphius. Doch zu den Dramatikern, die von der Bühne aus
für die Bühne schaffen, zählte er sicherlich nicht. Ein tzotel de Bourgogne
stand ihm nicht zu Gebote. Allein mit dem Worte „Bühnenfremdheit" ist
die Tragik des Gryphius nicht zu erledigen. Sie ist nur von Grund aus
unshakespearisch, ist gar nicht auf tzandlung und ganz auf leidenschaftliche
Rede eingestellt.

Wenn dieser Kunst eine Zeit gerecht zu werden fähig ist, so wäre es unsere.
Gryphius meinte, der Renaissance in Deutschland Tür und Tor zu öffnen.
Indes das Lebensgefühl der Renaissance war bereits erloschen, als er
ans Werk schritt. Er ist schon unverkennbarer Vertreter des Barocks. Un«
bändig kraftvolle Leidenschaft prallt auch bei ihm zusammen mit Lebens«
verneinung. In grellem Gegensatz treffen aufeinander tzell und Dunkel,
tzitze und Kälte, glühende Begier und verzichtende Buße, Lebensüberschwang
und Todesgedanken. Ansre Zeit beginnt solch gegensätzlichem Fühlen
wieder zuzuneigen. Ob ihr die innere Verwandtschaft mit Gryphius an den
Tragödien aufgehen wird, scheint mir fraglich. Eher könnte sie durch seine
Lyrik sich zu ihm zurückfinden. Aber das Zeitgemäße dieser Lyrik erstaunte
schon um VOO ein Feinfühliger, der nicht ahnen konnte, um wieviel näher
noch uns heute ihre Stimmungen kommen sollten. Oskar Walzel

Das Deutsche in der Mode

rei Beweggründe sind die Triebfedern für die in den Kriegsjahren
so plötzlich erwachte Leidenschaft zur Schaffung einer deutschen Mode,
drei Beweggründe, die man ausspricht: vaterländische, ästhetische und
volkswirtschaftliche. Den vierten bekennt man nicht so willig, der ist die
Freude an Kleidungs« und Modefragen, die trotz des Ernstes der Zeiten
nicht zu bändigen ist, die aber so wenige Menschen offen eingestehen wollen.
Warum? Wenige sind völlig erhaben über Außerlichkeiten, sehr wenige
sind es zu ihrem Vorteil. Aberragend müßte die Persönlichkeit sein, die
sie ganz entbehren kann. Daß diejenigen, deren Beruf es ist, und solche,
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