Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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darf, was England ihm für bekömmlich hält, sorgfältigst davor geschützt:
soviel ich weiß, ist nicht ein einziger Abdruck^ hinübergekommen. Für
die englische, die französische, die russische und die italienische Presse ist
die Schrift nicht da, auch für die westschweizerische, norwegische und däni-
sche nicht, obgleich wir sie ihr geschickt haben. Wohl aber taucht in jüngerer
Zeit besonders häufig die Behauptung auf, wir Deutschen trieben eine
unerhörte Bilder-Fälschung und Bilder-Verleumdung. Bach dem alt-
bewährten Re!zept des Ertappten, „Haltet den Dieb!" zu' rufen. Ia,
man hat auch die Behauptung von deutscher gewohnheitsmästiger Bilder-
fälscherei zu einer Art Axiom der Weltlüge gemacht.

Dasz auch uns dies und das mit Recht vorzuwerfen ist, versteht sich
von selbst. Zwischen kriegführenden Staaten gibt es kein Urheberrecht,
und so kommt dem Nur-Geschäftsmann auf beiden Seiten der Gedanke:
ziehe Profit daraus. Spar' deine Spesen, indem du alte Bilder als neue
abdruckst, tusche zum Beispiel die Uniformen um, so daß sich Sieger und
Besiegte austauschen — wieviel schönes Geld läßt sich so sparen! Das
sind Gaunereien von Geldmachern, die das Anprangern und Ausstäupen
verdienen. Aber von weiterer Bedeutung sind diese Erbärmlichkeiten nicht.
Sie sind nicht einmal Urkunden-Fälschungen, und mit dem Begriff „das
Bild als Verleumder" haben sie schon gar nichts zu tun. W o sind
auf deutscher Seite die Gegenstücke dazu, zu den Arkundenfälschungen und
zu den Verleumdungen? Zu den Bildern von der Reichswollwoche in
Berlin und denen von Offizieren mit Rennpreisen, die man als Be-
weisefür deutsche Räubereien bewußt fälschend ausgegeben und millionen«
fach verbreitet hat, zu den Pogrombildern, die man mit Texten voll
heiliger Entrüstung als Dokumente deutscher Scheußlichkeit durch
Ententeblätter aller fünf Erdteile gehetzt hat, und zu den andern ihres-
gleichen, die ich in meiner Schrift abgebildet habe?

Widerlegen wir also, was uns vorgeworfen wird! Aber auch das
ist nicht so einfach. Denn greift man nun aus der Fülle feindlicher Be-
hauptungen eine oder die andere heraus, prüft sie und widerlegt sie, so
kommt sofort und stets die Antwort: „Ia, der Fall! Da mögen Sie recht
haben, aber die andern, die schweren Fälle!" Das Erledigte ist nach-
träglich immer das Gleichgültige gewesen, das Schwere war immer das
Andre. Wirklich, da kommt es zu paß, daß jetzt ein amtlich ver-
breitetes französisches Dokument diejenigen Beispiele deut-
scher Fälschungen zusammenstellt, welche unsre Feinde als die schwerst-
belastenden für uns agitatorisch gegen uns verwenden.

In Charleville erscheint bekanntlich in französischer Sprache ein deut-
sches Blatt für die besetzten Gebiete, die „Gazette des Ardennes", und
sie hat auch eine „Edition illustree". Diese wird von den Franzosen auf
das Genaueste nachgeahmt: das französische Würdegefühl hat sich sogar
dazu überwunden, die Ortsangabe „Charleville" zu fälschen. Gut, nehmen
wir das als „Kriegslist" hin, um die falsche „Gazette des Ardennes" zu
verbreiten und zu schützen. Nämlich: man streut sie durch Flieger in
das von den Deutschen besetzte Gebiet. Dort soll sie zweierlei tun: die
Einwohner er- und die Soldaten entmutigen. Mir sind solche Agitations-
blätter von deutschen Soldaten zugesandt worden. Ihr „Clou" ist ein

^ Früher schrieb ich im Kunstwart: „nur ein einziger" — nachträglich hat
sich aber herausgestellt, daß auch dieser „einzige" nicht angekommen ist.
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