Deutscher Wille: des Kunstwarts — 30,1.1916

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dämmernden Gottesternpel des sterbenden Leibes die Seele wie das Aller»
heMgste am Altar unter der ewigen Lampe in dunkler Glut auf und füllt
sich mit dem tiefen Glanze der Ewigkeit. Dann haben Menschenstimmen
zu schweigen. Auch Freundesstimmen. . . . Darum forscht und sehnt euch
nicht nach letzten Worten! Wer mit Gott spricht, redet nicht mehr zu
Menschen.

Bom Heute fürs Morgen

Heilige Nacht

n allen Kirchen der Christenheit
und rn Millionen von Wohnstät-
Len wird nun wieder die Lrzählung
von den Hirten verlesen, denen die
EngeL das Evangelium künden.
„Fürchtet euch nicht, ich verkündige
euch große Freude." Nächtliche
Weide mit den armen Menschen
beim Vieh, ein Aufleuchten plötzlich,
Engelgestalten und die Botschaft des
tzimmels an die Erde vom Frie-
den. Wer das einmal in seiner
Phantasie geschaut hat, den wird es
niemals wieder verlassen, ob er nun
Christ oder Mchtchrist ist.

Wenn die Winternacht am läng-
sten nnd Liefsten ist, glimmt in ihrer
MitLe ein Schimmer auf. Das ist
der Sommer, der am längsten Tage
mit all seinen Wonnen hochzeitlich
blühen wird. Frau Berchta mit der
Iugend zieht um. Heute nur ein-
mal, zu einem Gruß. Aber sie grüßt,
die ftegen wird.

Sagenl Aber das ist keine Sage,
daß von jetzt ab die Nächte kürzer
und die Tage länger werden, daß
das LichL wächst, daß der Sonnen-
lauf am tzimmel sich wendet. Keine
Sage, und wir meinen, daß wir's be-
jahen.

Begreifen wir auch, was ebenso-
wenig Sage ist: daß die Hülle dieses
Korns hier in meiner Hand, daß die
tzüllen all der Trillionen Samen«
körner der Erde sich verwitternd auf-
lösen, nicht aber ihr Kern? Daß
aus diesem Kerne ein tzalm, ein
Strauch, ein Baum, daß aus dem
Samen der Kreatur ein Geschlecht

aufersteht, ein Geschlechter zeugendes
Geschlecht?

Friede auf Erden, das Wort ist
ausgesät.

Zivildienstpflicht

reignisse von der größten Bedeu-
tung folgten sich indieserZeitder
Erdumgestaltung fast, wie die Woche
der Woche folgt. Wer HLtte noch vor
einem Iahre für möglich gehalten
oder gar erklärt, daß es bei uns
zur „Zivildienstpflicht" käme? Der
Staatssozialismus schreitet
von der Theorie zur Tat.

Wie das Deutsche Reich in jahr-
hundertlangen Kämpfen sozusagen
aus tzunderten von „Privatstaaten"
von Königen, Fürsten, Grafen, Bi-
schöfen, Senaten politisch zusam-
mengewachsen ist, so will es jetzt ein
großes einheitliches Wirtschafts-
gebilde werden, in dem Waren und
Arbeitskräfte zweckmäßig für die All-
gemeinheit verwendet werden. Der
Plan ist in seiner tieferen Konzep-
Lion so gewaltig, daß noch vor ein
paar Iahren nur Utopisten derglei-
chen hätten entwerfen können. Be-
wegt hat sich unser organisatorisches
Denken freilich immer und immer
wieder in diese Richtung. Wir er«
innern daran, daß Otto Corbach
schon ganz kürz nach Kriegsausbruch,
im ersten Novemberheft bes
Kunstwarts, in einem Aufsatz über
„Krieg und Wirtschaftsleben" eine
„Zivildienstpflicht^ forderte. Erknüpfte
an die damaligen „Aufrufe zum
Luxus" an, welche uns aufmunter-
ten: wir sollten nur leben wie im

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