Die Dioskuren: deutsche Kunstzeitung ; Hauptorgan d. dt. Kunstvereine — 15.1870

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Ausführung nicht eben sehr ansprechend, und die beiden Figuren
haben einen gewissen allgemeinen Typus, wo gerade die feinste und
geistreichste Jndividualisirung das Ganze allein plausibel machen
konnte. Allerdings genügt für solche Fälle nicht das blanke Ab-
schreiben der Natur, das bloße Portraitiren irgend eines zufällig
für passend erkannten Modells — es muß noch ein Höheres darüber
schweben, wodurch das zufällige Einzelne eine gewisse typische, all-
gemeine Bedeutung erhält.

Ein recht augenscheinliches Beispiel zu dieser oft sehr vernach-
lässigten Lehre giebt das „Atelierleben" von Arnold Steffan.
Alles Beiwerk in dieser Künstlerwirthschaft bis zum zerrissenen
Polsterstuhle und der mit höchster Naturwahrheit dargestellten Palette
ist so vortrefflich wie möglich — ja das Bild im Bilde, die auf
der Staffelei stehende Landschaft, ist ausgezeichnet zu nennen — nur
der Maler selbst, wie er da sitzt und Flageolet bläst, ist eine
Figur, die vor zu treuer „Nachahmung der Natur" warnen kann.
Es ist übrigens ein recht hübscher junger Mann, bei dessen Anblick
es uns ist, als müßten wir ihm schon irgendwo begegnet sein —
aber, hilf Himmel, welche Alltagsfigur! Dazu bläst er sein Flageolet
nicht, sondern scheint es zu benagen. — So vortrefflich wie mög-
lich, ein wahres Juwel, und abermals in dem eben von uns be-
rührten Punkte sehr lehrreich ist das Bild von Karl Webb „Jack
zu Hause", d. h. ein wettergebräunter Matrose, der mit größtem
Behagen daheim sein Kind wiegt und sein Pfeifchen schmaucht. Wir
gewinnen den braven, ehrlichen Kerl, dem man es ansieht, daß er
in diesem Augenblicke mit keinem Könige tauschen würde, von Herzen
lieb. Das Bild ist ohne Frage eines der ausgezeichnetsten der dies-
jährigen Ausstellung. Ich pflege neue Gemälve in Galleriebilder,
Salonbilder, Stubenbilder, Millionärbilder, Kaffeehausbilder und
Verloosungsbilder für's große Publikum zu unterscheiden. Dieser
„Jack" ist ein wirkliches Galleriebild, ein Bild von höherem Werth,
das auch nach hundert und mehr Jahren unsere Nachkommen an-
sprccheu wird, wie uns die zechenden Bauern und der sonstige
Plebs der Niederländer aus der Ostadezeit ansprechen. Ein Mil-
lionärbild ohne Frage ist das „Blumenmädchen" von Brandeis,
fast möchten wir das zierlich kokette Bilduiß einer hübschen Ballerina
darin suchen. Sogar die Art, wie sie die eben gepflückte Rose dem
Beschauer ans dem Bilde herausreicht, deutet darauf hin.

Spitzweg ist seit Jahren so bekannt und so beliebt, daß man
sich jährlich bei Eröffnung der Kunstausstellung fragt: „Was mag
denn wohl von Spitzweg eingcschickl worden sein?" Als wir vor
Jahren die erste Bekanntschaft seiner Bildchen niachten, schienen ge-
malte drollige Scherze das einzige von ihm kultivirte Gebiet zu sein,
später überraschte er als Landschaftsmaler, der den Zauber dämmernder
Gebirgsschluchten, romantischer Felsenkessel u. s. w. in außerordentlich
ansprechender Weise darzustellen weiß. Diesmal bringt er einen
„Abend in der Stadt", ein kleines Bild von höchst meisterlicher Be-
handlung der Effekte des tiefgelben, warmen Sonnenlichtes, welches
die Thürme und Giebel kräftig, glänzend hervortreten läßt, und des
dämmernden kühlen Helldunkels, in dem die liefern, verschatteten
Particen liegen. Die Stadt selbst, mit ihren behaglich und stattlich
aussebenden Rokokohäusern, der Abendchoral, den die Musikanten
vom Stadtthurm Herabposaunen, das alles ist so gemüthlich wie
möglich, es wird uns wohl zu Muthe, wir fühlen uns von dieser
„Stadt" eigenthümlich angeheimelt. Aber was für köstliche Philister
hat der Künstler da auf die Terafle vor eines der Häuser gesetzt?
Der Katalog belehrt uns, es sei damit eine Scene aus Dittersdorf's
komischer Oper „Doktor und Apotheker" gemeint, aber auch ohne
diese Notiz wirkt die dargestellte Scene ergötzlich. Der ältliche höchst-
gravitätische Herr in Schlafrock und Nachtmütze; der Hausfreund,
ein stelzfüßiger Hauptmann; die hübsche Tochter, die langen Halses

nach dem unten vorbeistreifenden, zeichengebenden Liebhaber späht,
und der Nachbar Apotheker, der seine Spürnase witternd aus der
Glasthüre seiner Apotheke steckt, als deren Schild ein riesiger Storch
paradirt. Der Gegensatz der wahrhaft poetischen Abendsceuerie mit
der drolligen Prosa der Staffage wirkt ganz eigenthümlich, aber
angenehm, ich wüßte mich einer ähnlichen Kombination kaum zu
erinnern: das andere Bild Spitz weg's (zum Widerspiel seines
sonstigen hohen und schmalen Bilderformates ein Breitbild) stellt
eine Alpenhöhe mit einem weiten Ausblick über Thäler und Berg-
kuppen dar, zwei Sennerinnen scheinen in eines der Thäler hinab-
zurufen. Die Aufgabe, auf dem Raume eines kleinen Bildes die
Vorstellung einer mächtig großartigen Natur zu geben, ist in wahr-
haft geistvoller Weise gelöst — recht als Gegensatz mancher Alpen-
bilder, welche in Riesenformat öde und leer aussehen. (Forts, folgt.)

frj Rom, im Mai. (Ausstellung christlicher Kunst:
K. Baumeister. G. Werner. Forts.) Gleichfalls eine Aus-
zeichnung hat Gotthard Werner aus Schweden erhalten. Sein
Bild zeigt uns zwei stark konstratirende Gruppen: zur rechten eine
Fürstin mit ihrem Gefolge: im goldgestickten Mantel schreitet sie
daher; Prälaten empfangen sie feierlich — sie aber wirft einen Blick
voll Hoffarth und Verachtung nach der andern Seite, wo im ein-
fachen schwarzen Nonnengewand, aber mit freudig verklärtem Blick,
eine junge Heilige steht, umringt von zerlumpten Kindern und Bettlern,
die sie liebevoll zu sich heranzieht. Es ist die „Heilige Elisabeth von
Ungarn", welche sich in christlicher Demuth ihrer königlichen Würde
entäußerte, die Armen beschützte bis in die Hallen deS königlichen
Hofes und dadurch ihre stolzen Verwandten choquirte.

Das Bild, nicht groß im Format, ist breit, etwas skizzenhaft
gemalt; man sieht, der Künstler hat seine Studien in Paris und
nach alten Meistern gemacht; zwar ist die intendirte Lichtwirkung
nicht bis zur Evidenz gebracht, doch haben wir es hier, was künst-
lerische Empfindung und Kraft der Darstellung betrifft, mit einem
bedeutenden Talent zu thun.

Es kann auffallen, unter den katholischen Malern einem Künstler
aus Schweden zu begegnen, einem Lande, das wie kein anderes einen
bis zur höchsten Intoleranz exklusiven Protestantismus ausgebildet
hat. Doch ist Werner nur ein Beispiel häufig sich wiederholender
Erscheinungen: er gehört zu denen, die aus der beklemmenden, ja
kunstfeindlichen Atmosphäre des Protestantismus fliehen, um sich be-
geistert nicht nur der Kunst, sondern auch der Religion des Südens
in die Arme zu werfen.

Schweden ist ein Land, das mit seiner einsamen Natur fast
nur der landschaftlichen Stimmuugsmalerei günstig ist; die Figuren-
malerei beschränkt sich auf Schilderung des Volkslebens. Einer freien
Entwicklung derselben ist schon das Klima abhold, das den Menschen
zwingt, den größten Theil des Jahres in entstellender Vermummung
auf farblosen Schueefelder zu wandeln. Dazu hält der nüchterne
Protestantismus nicht minder als sein gewöhnlicher Begleiter, das
pietistische Muckerthum, das sich in mystischen Extasen und Er-
weckungen berauscht, die Menschen fern von dem ruhigen Gleich-
gewicht jener heiteren Lebensauffassung, welche befähigt, die Schönheit
in der Kunst zu genießen, und schließt die freie Darstellung der mensch-
lichen Gestalt, und zumal des Nackten, als sstudlichen Fleischesdieust
aus. So lange diese Zustände, welche die Reformation geschaffen,
nicht im Sinne eines liberalen Humanismus reformirt werden, so
lange wird eine wirkliche Künstlernatur ihre Nahrung auf einem
andern Boden suchen müssen.

Uebrigens sind die Künstler-Proselyten häufig intercffante Er-
scheinungen: die Wärme und die Begeisterung für ihren neuen Glauben
befähigen sie oft, wie es auch bei Gotthard Werner der Fall ist, ihren
Werken den Stempel des selbst Erlebten und Empfundenen mitzu-
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