Innendekoration: mein Heim, mein Stolz ; die gesamte Wohnungskunst in Bild und Wort — 18.1907

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MÖBEL-MODELLE.

Es ist jetzt wieder mehrfach angeregt worden, Modell-
Möbel anzufertigen. Der Vorteil, der daraus entspringt,
ist gewiß unverkennbar. Wenn man anregt, für Stühle,
Schreibtische etc., also für Möbel, die sich mehr oder weniger
den Formen des menschlichen Körpers anzupassen haben,
Modelle in natürlicher Größe anzufertigen, so ist damit
bekanntlich das weite Gebiet der Möbelkunst nicht erschöpft.
Für die genannten Möbel sind Modelle in natürliche Größe
der beste Maßstab für ihre Brauchbarkeit. Aber es gibt ja
im Raum Möbel, bei denen die Brauchbarkeit oder besser
gesagt: Die praktische Verwendung nicht in so hohem
Maße in Frage kommt, wo es sich vielmehr und um gute
Verhältnisse und schöne Massenverteilung handeln kann —
denken wir an das Büfett, Kredenz, Bücherschrank und
andere mehr. Die Zeichnung selbst, auch nicht die Perspek-
tive, geben hierbei über alle Fragen vollkommen Aufschluß,
und so erscheint es mir hier so nötig wie dort, durch ent-
sprechendes Modell Aufklärung und Sicherheit zu verschaffen.
Freilich, für solche Zwecke ein Modell in natürlicher Größe
anzufertigen wäre sehr kost-
spielig, und gäbe doch auch,
wenn man nicht alle Formen
und Farben in richtigem Ver-
hältnis zeigen könnte, kein
natürliches, kein zuverläs-
siges Bild. Es ist daher nötig,
einen anderen Ausweg zu
finden. — Diese Gedanken
waren es, welche mich ver-
anlaßten, Modelle des Möbels
im Maßstab 1 :10 anzufertigen,
und siehe da: der Erfolg war
überraschend. Das Modell
ergänzt nicht allein die Zeich-
nung, sondern es korrigiert
sie und führt dadurch oft zu
Lösungen einzelner Teile, wie
sie die Zeichnung nicht finden
läßt. Das Ton-Modell ist dann
schnell in Gyps abgegossen,
und hierbei kann man die
Umgebung des Möbels ver-
vollständigen — mit Leichtig-
keit lassen sich Farben auf-
tragen — und das Möbel steht
verkleinert in seinerwirklichen
Gestalt vor uns. Wird nach
solchem Modell das Möbel
ausgeführt, so geht man voll-
kommen sicher, weil das
Modell über jede Frage ge-
nügend Aufklärung gibt.

Wie der Architekt von dem
„ganzen" Gebäude ein Modell
verkleinert anfertigen läßt,
so muß das, bei gewissen-
hafter Arbeit, auf kleinere
Objekte, auf Innenraum und
Möbel übertragen werden.
Die Franzosen machen es ja
von jeher ganz ähnlich: sie
führen den ganzen Raum mit
allen Möbeln verkleinert in

Papier aus, und das erscheint mir als der beste Beweis der Ver-
tiefung in eine Aufgabe. Aber das Kleben mit Papier ist eine
heikle Arbeit, die dem Buchbinder besser liegt, als dem Archi-
tekten, und da jeder Architekt doch die Grundbegriffe des
Modellierens kennen muß, so erscheint es mir am vorteil-
haftesten, zum Ton zu greifen. Gerade in dem Selbstanfertigen
liegt eine Wichtigkeit, denn dadurch ist es am ehesten möglich,
für eine Nische, für ein Aneinanderlaufen von Flächen, für Grup-
pierungen von Massen etc. etc. Lösungen zu finden, die (wie
schon erwähnt) beim Zeichnen sich nicht ergeben. Und ist die
Zeichnung erst in den Händen des ausführenden Handwerkers,
so hat es mit Abänderungen immer Schwierigkeiten, die viel-
fach unüberwindlich sind. Wie oft tritt doch der Fall ein, daß
man, ehe nur das Möbel fertig vor uns steht, sich sagt: das
sollte so und so sein, hier hätte ich das so und so machen
sollen, da hätte ich reduzieren, dort verbreitern sollen und
was sonst mehr! Wenn das oft auch Kleinigkeiten sind,
die dem Auge des Nichtkünstlers nicht auffallen, so bedeuten
sie doch immer künstlerische Mängel an der Arbeit, die

sich mit Leichtigkeit ver-
meiden lassen, wenn der
Gegenstand vorher modelliert
wird. Den Vorteil der Sache,
die mir sehr wichtig erscheint,
habe ich mehrfach schon er-
fahren, und ich werde kein
größeres oder in seinem
Aufbau eigenartiges Möbel
zur Ausführung geben, bevor
ich mir durch das Modell
über alle Punkte genügend
Aufklärung geschaffen habe.

Das läßt sich natürlich
auf alle kunstgewerblichen
Gegenstände übertragen, und
es wird für das Kunstge-
werbe, vor allem aber für
unsre Wohnungs-Kunst ein
Nußen daraus entspriesen,
den man — dessen bin ich
vollkommen sicher — nicht
hoch genug schäßen kann.

PAUL BACHMANN—CÖLN.

D'

H. I). LEIPHEIMEK — DARMSTADT. Leinen-Vorhang.

Ausgeführt von Konrad Merz, Leinen-Fabrik, Stuttgart.

lIE MIETWOHNUNG. Eine
Kulturfrage. Glossen von
Richard Schaukai, zirka 60
Seiten u. Illustrationen. Preis
Mark 1.20. Verlags-Anstalt
Alexander Koch — Darmstadt.
Diese Schrift zieht in einer
Reihe trefflicher, feinsinniger
Abhandlungen, betitelt „Zu-
stand und Behelfe", „Aus-
stattung", „Neue Einrich-
tung", „Revolutions-Snobis-
mus", „Psychologie des Mo-
biliars", „Die moderne Woh-
nung" und „Utopien" gegen
die moderne Unkultur und
Geschmacklosigkeit zu Felde
und predigt eindringlich und
überzeugend Einfachheit.
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