Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 18.1902-1903

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über die Verdienste, die sich die Kunst- sion die volle Daseinsberechtigung zuzugestehen

ausstellungen im allgemeinen um das Be- wäre.« ,-»,«.., r ,

kanntwerden der bedeutendsten Künstler er- Dann macht er das Publikum auf den

worben haben, und über die verschiedenen großen Vortei> aufmerksam, den das wirkliche

Standpunkte, die für Ausstellungsleitungen Kunstverständnis bietet:

maßgebend sein können: »Jahrzehntelang bleiben die Werke der größten

Meister auch dem Besitz der minderbegüterten
>In unserer alles nivellierenden Zeit wird Sammler zugänglich, bis sich durch den ununter-
stets das Hervorragende unangenehm empfunden, brochenen Hinweis der Sachverständigen dieser
infolgedessen erregen gerade die hervorragendsten auf die Dauer unhaltbare Zustand geändert hat.
Leistungen den heiligsten Widerspruch. Nichts Niemals war das Sammeln hervorragender zeit-
ist daher wahrscheinlicher, als daß sowohl in genössischer Kunst für einen Sachverständigen
Deutschland wie in Frankreich die gesamte Tätig- leichter als in unseren Tagen, in denen die eklek-
keit der bedeutendsten Kunstler wie Böcklin, tischen Richtungen mit dem vernehmbarsten Bei-
Leibi, Manet u. s. w. bis heute uns unbekannt fan überschüttet werden, und dadurch das In-
geblieben wäre, wenn die öffentlichen Kunst- teresse von der eigenartigeren Kunst abgelenkt
ausstellungen die ihnen zugefallene Aufgabe nicht bleibt.«
erfüllt hätten: die Werke solcher hannäckig be-

kämpften Meister nebst den mit diesen in innigem Zum Sch]usse kennzeichnet er das Prinzip,

Zusammenhang stehenden Richtungen dem Pub- ...T-.1- c l • j i

likum in würdiger Form vorzuführen. Eine das die Berliner Secession be. der Inscenierung

dankbare Aufgabe könnte man dieses Programm ihrer Ausstellung geleitet, in den Sätzen:
nennen, wenn seine Durchführung nicht mit so

vielen Anfeindungen verbunden wäre. Alle Kunst- >Wenn unsere Ausstellungsleitung davon ab-
ausstellungsleitungen gelangen zu dieser Erfah- steht, den gewissermaßen approbierten Kunst-
rung ebenso wie zu der Einsicht, daß ein solches richtungen einen breiteren Raum zu gewähren,
Ausstellungsunternehmen noch viel dankbarer so geschieht es mit dem Vorsatz, zuerst die in
für die sich erweist, die dieses Programm weniger unserm Kunstleben offen gelassene Lücke aus-
konsequent einzuhalten gedenken. Wie eine Aus- zufüllen, statt eine wohlbesetzte Position noch
Stellungsleitung bei Gewinnung ihres Stand- weiter verstärken zu helfen. Versäumtes nach-
punktes sich entscheiden will, das wird somit zuholen, Vergessenes hervorzuziehen und den
zu einer künstlerischen Gewissensfrage. Wenn mit der Ungunst unserer Zeit ringenden Kunst-
aber bei diesem Anlaß zwei ganz verschiedene bestrebungen einen Kampfplatz zu schaffen, er-
Ansichten aufeinander stoßen, so ist die An- scheint uns als das geeignetste Mittel, das Prestige
nähme wohl gerechtfertigt, daß damit der Seces- der deutschen Kunst zu heben.«

Vielleicht sind diese Ab-
sichten noch nicht in Vollkom-
menheit verwirklicht worden;
aber das läßt sich ohne Ueber-
treibung behaupten: Man mag
effektvollere Ausstellungen in
Deutschland gesehen haben als
diese, aber kaum eine, die so
viel absolute große Kunst ent-
hielt, und ganz gewiß keine, die
eine solche Selbstlosigkeit bei
der veranstaltenden Künstler-
schaft hätte erkennen lassen,
wie sie in dieser Ausstellung
der Berliner Secession zutage
tritt.

GEDANKEN

Zeichnen ist die Kunst — weg-
zulassen. Max Liebermann

Ein Künstler, der Stil hat, erfaßt
einen Gegenstand in seinem Mittel-
punkt und legt in ihn die Gewaltig-
keit, die in ihm selber ruht; er
scheidet das Unwesentliche, Kleine,
Zufällige aus und stellt die wesent-
lichen Züge in großem Rahmen und
mit festen markigen Zügen vor Augen.

ERICH ERLER-SA MADEN DER GARTEN EINER ALTEN DAME

Ausstellung der Berliner Secession — Kollektion der 'Scholle , München F. Th. Vischer

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