Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Pfade. (Von
Dr. IVLkßekm

Die in den zwei kleinen Zimmern im äußersten
Südostwinkel des Münchener Glaspalastes inmitten der
„VII. Internationalen Kunstausstellung \897" befind-
liche Sammlung kunstgewerblicher Gegenstände stellt
einen bescheidenen Versuch dar, der den Beweis
dafür liefern will, daß ein sog. „modernes" Kunst-
gewerbe in beschränktem Maaße auch bei uns in
Deutschland bereits vorhanden ist. Dieser Versuch
ging von deni Gesichtspunkte aus, daß uns ein
Schaffens- und Absatzgebiet verloren zu gehen droht,
auf dem wir einst Meister waren.

Goethe sagt einmal gelegentlich: „Ausgenommen,
daß man von Jugend auf daran gewöhnt fey, find
prächtige Zimmer und elegantes paus-
geräthe etwas für Leute, die keine Gedanken haben
und haben mögen." Darnach träten wir in eine
immer gedankenärmer werdende Zeit ein. Allein,
abgesehen davon, daß heute viel mehr Leute von
Äugend auf an „prächtige Zimmer und elegantes
pausgcräth" gewöhnt sind als zu Goethes Zeiten, ist
es unbestreitbar, daß in allen ausblühenden Kultur-
epochcn der Sinn für eine künstlerische Umgebung
zunimmt. Das ist auch heute der Fall, wo Deutsch-
land, zum ersten Male seit Jahrhunderten, in politi-
scher Unabhängigkeit und in mächtigem materiellen
Aufschwungs begriffen, sich auch der künstlerischen
Ausgestaltung nicht nur seiner Schlösser, Plätze und
öffentlichen Bauten, sondern auch seiner Wohnungen,
seines Alltagslebens freudig hingibt. Derselbe Sinn
zeichnete das späte Mittelalter aus, und damals war
es neben Italien Deutschland, das in erster Linie
die ganze übrige Welt, die auf „prächtige Zimmer
und elegantes pausgeräth" Gewicht legte, mit den

edelsten Erzeugnissen eines vollendeten Kunstgewerbes
bedachte, peute ist die Thatsache, daß selbst ein
großer Theil deutscher Käufer, der Sinn für die
„Kunst im Pause" hat, sich mit offenbarer
Vorliebe den fremden, nanientlich den englischen,
amerikanischen, belgischen und französischen Erzeug-
1 nisten zuwendet, unleugbar. Nach künstlerischen Ent-
würfen gefertigte Stoffe, Gewebe, Tapeten,
G e f ch meide, Gläser, Thongefäße, der
Eigenart des Materials Rechnung tragende Möbel,
ja architektonische Gedanken, die an und für
sich dem deutschen Empfinden ganz fern liegen
müßten, werden nun schon seit Jahren durchaus
vom Auslande bezogen. Was Wunder, daß der
deutsche Geschäftsmann keinen andern Ausweg sucht
und findet, als den, dies Fremdländische nach-
zuahmen, wie er Jahrzehnte lang gelernt hat,
Renaissance und Barock, Rococo und Empire „nach-
zumachen"? Ja, dieser Zug ist bereits so allgemein
geworden, daß jede einigermaaßen ursprüngliche
Form eines Möbels, die einfache Betonung seiner
polzstruktur, die nicht gerade alltägliche Farben-
zusammenstellung eines Zimmers, die Verwendung
einer stilisirten heimatlichen Blume auf einer
Tapete, die Verwendung malerischer Kunst zu rein
dekorativen Zwecken und Aehnliches mehr vom Volke
einfach mit dem Sammelnamen „englischer Stil"
bezeichnet wird. —- Dem aufmerksamen Beobachter
konnten weder diese Thatsachen, noch die Gründe
für eine Sachlage entgehen, die das heimische Kunst-
gewerbe in die betrübende Abhängigkeit von den
Fremden bringen und es so auf das Empfindlichste
schädigen muß. DieseGründe sind einest Heils
der Fortschritt, in dem das fremde, anderen-
theils der Stillstand, d. h. also der Rück-
schritt, in dem das heimische Kunstgewerbe
sich befindet.

Was zunächst dieses, insbesondere das Mün-
chener Kunstgewerbe anbetrifft, das ja in den letzten

Hofrak

chokfe.

Äunst und^Handwerk.

)cchrg. Heft

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