Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Das neue kjofbräuhaus zu München.

ae neue Hosträußaus
zu (München.

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Seit zwei Jahrzehnten sind „Bierpaläste" in
allen größeren Städten emporgeschossen; München
selbst konnte bereits auf eine namhafte Anzahl solcher
Bauwerke Hinweisen, bis das „bfofbräuhaus", dein
Zuge der Zeit folgend, eine Umwandlung vollzog.
Der alte Bau, dessen Anfänge in das letzte Viertel
des J6. Jahrhunderts fallen, der im \7. Jahrhundert
und zuletzt im Jahre (730 mannigfache Erweiterungen
erfahren hatte, war dem Aussehen nach längst
veraltet, wenn er auch noch das Ansehen des guten
Namens genoß und eben wegen seines ebenso ma-
lerisch-primitiven wie alterthümlich - münchnerischen
Lharakters von den Fremden mit Vorliebe aufgesucht

572. Straßenansicht des neuen Hofbräuhauses.
Architekten: Heitmann und Litt mann, München.
Zeichnung von <£. F. lUeyßer.

wurde. Aber zum längeren Verweilen luden die
engen, dunkeln und schwer rein zu haltenden Räum-
lichkeiten in chof und Hallen nicht gerade ein, uitd
selbst dem Einheimischen, der sich inzwischen in den
wirklichen Bierpalästen umgesehen hatte, schien all-
gemach das alte Hofbräuhaus der Würde des Namens
nicht mehr zu entsprechen. 'So lag es denn nahe,
das bisherige Hofbräuhaus — in welchem übrigens
erst im Jahre J830 öffentlicher Ausschank und Wirth-
schaftsbetrieb eingeführt wurde — einer gründlichen
Umgestaltung zu unterziehen.

Die Aufgabe, welcher sich die Architekten Heil -
mann und Littmann mit großer Hingebung unter-
zogen, war keine leichte; abgesehen von den uns hier
nicht weiter interessirenden praktischen Bedingungen,
deren schwerste die der Nichtunterbrechung des Be-
triebes war, mußte als leitendes Motiv gelten, dein
Bau nach Außen und Innen das der Geschichte
des Hofbräuhauses entsprechende Gepräge des Alten
zu geben, ihm die alte Gemüthlichkeit und Traulich-
keit zu erhalten und doch den Bedürfnissen der Gegen-
wart gerecht zu werden. Dies konnte nur in der
engen Bundesgenossenschaft mit den voll früherer
Zeit überkomnienen und dem Münchener vertrauten
architektonischen und dekorativen Formen erreicht
werden; „moderne" Architekturformen oder Dekora-
tionsweisen wären hier nicht am Platze gewesen —
sie hätten geradezu auf den Besucher, der hier etwas
von dem alten anheimelnden Humor zu finden hoffte,
abschreckend gewirkt. Von dieser leitenden Idee geben
unsere Abbildungen sprechenden Ausdruck. Es sind
im Aeußern wie im Innern in der Hauptsache jene
Formen angewandt, welche etwa der ersten Hälfte
des j6. Jahrhunderts in Deutschland entsprechen: in
den architektonischen Theilen der Kampf zwischen
Gothik und Renaissance, oder auch — namentlich
in der dekorativen Ausstattung — bald die f}ctr-
schaft des einen, bald die des anderen Stils. Bei-
spielsweise herrschen an den Fa<;aden gegen die
Straße (das „platzl"), wie in den Höfen die Formen
der deutschen Renaissance (Abb.572, 373 u. 375), im
Treppenhause die der Gothik (Abb. 57^); die Aus-
malung der Bierhallen (Abb.578u.579) schließt sich eng
an Wand- und Gewölbemalereien der Tyroler Gothik
an, während in „Trinkstube" (Abb. 576) und Haupt-
saal (Abb. 577) die Sprache der „Neuen Kunst" im
Sinne des j6. Jahrhunderts geredet wird.

Um in der Beschreibung von Einzelheiten mit
dem Hauptsaal zu beginnen, sei zu unserer Ab-
bildung Folgendes bemerkt: Den Hauptschmuck

des Saales, der bei \2 m Länge eine Breite von
j7,5 m besitzt, bilden die Wand- und Deckenmalereien
von Ferdinand Wagner. Die von den Erbauern

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