Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Kleine Nachrichten.

Ohne Zweifel ist es für die gedeihliche Entwick-
lung der Industrie und des Aunstgewerbes unerläß-
lich, daß die Mode auch in den Zimmereinricht-
ungen wechselt. Denn die Mode ist der Athemzug
der Industrie; ohne sie würde die Vertheilung des
täglichen Brodes in der ganzen Welt stocken?) Die
verderblichen Eigenschaften der Mode kommen erst
da zur Geltung, wo sie nach Ihering's Definition
das Bestreben der Bielen darstellt, es den wenigen
Bevorzugten gleich zu thun. In diesem Streben
faßt die verderbliche Täuschungsindustrie Wurzel.
Und eben diese Täuschungsindustrie ist nur dadurch
zu bekämpfen, daß man das Hauptgewicht in der
Zimmereinrichtung auf die Stimmung legt. Daß
die Stimmung in erster Linie durch den Zweck be-
stimmt wird, dem der Raum dient, versteht sich für

den Eingeweihten von selbst. Im Uebrigen aber
wird man mit dem herrschenden stilistischen Uni-
formirungsprinzip für den Mittelstand wenigstens
brechen müssen. Denn alle kunstgewerbliche Theorie
wäre wenig werth, wenn sie darauf hinausliefe, der
Frau des deutschen Mittelstandes die hoffnungslose
Ueberzeugung beizubringen, daß nur die Wohnung
stilvoll ist, deren Einrichtungsgegenstände sämmtlich
im „Stil", d. h. in der historischen Formensprache
eines bestimmten Zeitabschnittes gehalten sind. Es
ist vielmehr für die gedeihliche Entwickelung des
Aunstgewerbes unerläßlich, gerade die Frauen des
Mittelstandes zu Mithelferinnen zu erziehen, indem
man sie lehrt, durch bewußte Raumgliederung, durch
klare Gruppirung, durch wohlabgemessene Raum-

') vergl. Fischer, Sozialogie und Sozialpolitik, Kap. 2.
(Erfurt, (691.)

abstände und hundert verwandte „Aleinigkeiten" das
Schönheitsgefühl ihrer Angehörigen zu pflegen und
zu entwickeln. Die Aäufer für wahrhaft begehrens-
werthe Erzeugnisse des Aunstgewerbes werden dann
von selbst heranwachsen.

l^lachnchten.

Vereine, Museen, Schulen, Aus-
stellungen, Wettbewerbe rc.

Die Beranstalter der Rleinkunst-Gruppe
auf der Münchener Kunstausstellung traten, ge-
meinsam mit Ausstellern, Mitarbeitern und Gästen,
acn s8. Oktober zu einer zwanglosen geselligen Anter-
haltung zusammen, um den Erfolg der Ausstellung
in harmloser, schlichter Weise
zu feiern. Aus der Be-
grüßungsrede des Borsitzen-
den, kjofrath Br. W. Rolfs,
welche derselbe mit denr Dank
an seine Mitarbeiter ein-
leitete, ist Folgendes hervor-
zuheben :

„lieber den Erfolg
unserer kleinen Ausstellung
selber will ich kein Wort
verlieren. Wir alle wissen
und fühlen, daß wir erst
am Anfänge stehen, daß
sozusagen nur das erste
Gestrüpp aus den Pfaden
herausgehauen ist, die uns
hinein in jungfräulichen Ur-
wald, hinauf auf unbestiegene
Höhen führen sollen! Den-
noch möchte ich an unfern Erfolg anknüpfen:
nicht um die Stimmen zu vermehren, die in der be-
scheidenen Ausstellung im Glaspalaste das Anbrechen
einer glanzvollen neuen Aera sehen, die diese Aa-
binettchen als das einzig Sehenswürdige hinstellen
und mit Weihrauch unfern klaren Blick trüben möchten.
Derartige Uebertreibungen schaden unserer Sache auf
das Empfindlichste. Aber es ist ja nicht schwer, sich
davon fern zu halten. Biel schwerer erscheint mir
dies in anderer Richtung, und darum der Sache
selbst auch viel gefährlicher.

Sie wissen, daß nun mit einem Schlage zwei,
drei Fachzeitschriften auf deutschem Boden erstanden
sind, die sich ausschließlich dem neuen Aunsthandwerk,
wie wir es erstreben, widmen werden. Andere werden
der alten deutschen Sitte, die Aräfte möglichst zu zer-
splittern, gewiß noch folgen, ganz abgesehen von dem


(03. Bucheinband ron Maler Fritz Lrler. ('/» der wirkl. Größe.)

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