Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Das moderne Plakat.

W^aß moderne AkaKat.

Noch nicht lange ist es her, daß
man von einer Plakatkunst im eigent-
lichen Zinne zu reden berechtigt ist; hat ja doch
erst vor wenigen Jahrzehnten „die Reklame das
Plakat als eines seiner wirksamsten Hilfsmittel er-
kannt."

Und heute! Au welch' ungeheurem Gebiete
hat sich die Plakatkunst entwickelt. Begnügte sich
früher ein Raufmann, eine Handelsgesellschaft, ein
Berleger, ein Varioto zu Empfehlungen irgend wel-
cher Art verhältnißmäßig kleiner Schriftplakate, die
kaum die Größe unserer jetzigen Theaterzettel über-
schritten, so ist es heutzutage geradezu eine Seltenheit
Zu nennen, daß eine Reklame ohne ein mehr oder
weniger effektvolles und künstlerisches Bild auftritt.
Bein Gegenstand ist zu gering, zu klein, zu unschein-
bar, dem nicht schon ellenlange Bildreklamen ge-
widmet worden wären. Und zweifellos mit Recht;
wenn ich auch nicht so weit gehen möchte wie Sponsel,
der behauptet, daß die Bildreklame so lange ohne ge-
nügende Wirkung geblieben sei, bis die Rünstler davon
Besitz ergriffen hatten. Etwas Wahres liegt ja in
der Behauptung Sponsels, aber zweifellos hatten auch
fchon ältere Plakate, die nicht von Rünstlern aus-
geführt waren, den gewünschten Erfolg, wenn sie
nur genügend effektvoll waren. Durch das stetige
rapide Wachsen des Reklamewesens, durch die Häu-
fung von Plakaten in den Straßen und geschloffenen
Bäumen aber wurde es bald zur Nothwendigkeit, der
^Dichtigkeit des Zweckes entsprechend die Ausführung
der Plakate den Rünstlern zu übertragen. Die junge
Runst zog immer weitere Rreise an; Runstforscher,
Bunstschriftsteller und Runstliebhaber wandten dein
Neuen Runstgebiet ihr Augenmerk zu, Ausstellungen
Namentlich jene von Reims und Hamburg im Jahre
1896 gestatteten schon einen trefflichen Ueberblick
über die Vielfältigkeit, Mannigfaltigkeit und Reich-
haltigkeit der Plakatkunst. Nun liegt auch ein ab-
geschlossenes Werk vor uns, das uns die ganze Ent-
wicklung und die Geschichte des modernen Plakats
Nc gewandtein Worte und an der pand eines über-
reichen, vorzüglichen Abbildungsmaterials auf's treff-
lichste entrollt. Der scharf und weit blickende Ver-
fasser des Werkes, Z. £. Spottfel1), bewältigte das
allzu sehr zerstreute Material — man darf wohl
deck gestehen — vollkommen; wesentliche Punkte
entgingen jedenfalls demselbeii nicht.

>) I. £. Sponsel: Das moderne Plakat. Dresden. Verlag
von Gerhard Aühtmann, *897. Mit 52 farbigen Steindruck-
^feln und 266 Textabb. (S. Abb. -*2*—-*2-* u. -*26 <*30.)

'*20. Postkarte vom Münchener Allnstlerfest. Zeichnung von
Fr. A. Aaulbach. (Das Griginal besitzt einen röthlich-grancn
Grund; wirkl. Größe.)

3*1 richtiger Würdigung der historischen Ent-
wickelung beginnt das Werk mit einem kurzen Ueber-
blick über das japanische Plakat und seine Entstehung
aus den Exvotobildern. Eine besonders hervor-
ragende Rolle spielte das Plakat in Japan jeden-
falls nicht, um so wichtiger aber waren die japani-
schen Farbenholzschnitte in* Allgemeinen. Schon früh-
zeitig erkannte man in Paris, daß die stilistischen
Eigenthümlichkeiten derselben dem Buntdruck nutz-
bar gemacht werden müßten.

Zu lange war, uin mit Frankreich zu beginnen,
das Plakatwesen in den fänden der Lithographen
gewesen, die sich bemühten, fein säuberlich und mög-
lichst detaillirt die Plakate auszuführen. Für soge-
nannte Znnenplakate ging ja das noch an und das
ist auch heute noch statthaft; das Straßenplakat aber,
das auf größere Distanzen wirken soll, inußte ent-
schieden andere Bahnen einschlagen. Sponsel weist
mit Recht auf den unverkennbaren Einfluß der
lithographischen Rarrikaturen-Albums auf die Ent-
wickelung der Plakatkunst hin. Ein Mutriren, ein
Uebertreiben ist für die Wirksamkeit eines Plakates

Allnst und Handwerk. <*?. Iahrg. Heft 8.

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