Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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\22. Hierleiste von A. Weisgcrbcr.

Hmd die „akten Meister"
aßgesei^i? (Don £)♦
Kehwindrazßeim.

Wie sich die Zeiten ändern!

So arg lang her ist's noch gar nicht, da war
unser Aunstgewerbe in ehrfürchtiger Scheu versainmelt
uni den Tenrpel der „alten Rkeister". Der stand auf
hohem Bergesgipfel, hoch erhaben über die moderne
Welt, im reinen Blau des Aethers da.

Zn ihm thronten auf pietätvoll köstlich ge-
schmückten Sesseln „die alten Weister", umringt von

den kostbaren, bewun-
derten Werken ihrer
pand, umräuchert vom
Weihrauch, den ihrem
Andenken alle Welt
freigebig spendete.

Sie und ihre Werke
bildeten den Znhalt un-
zähliger Publikationen
und Borträge, ihre
Nachfolge bildete das
A und © jedes Buches,
jeder Rede, die sich mit
dem Aunstgewerbe der
Jetztzeit befaßte, ihrStu-
dium bildete den Lehr-
gcgenftand der kunst-
gewerblichen Schulen,
ihre Sprache zu sprechen
bemühte sich das ge-
fammte Aunstgewerbe,
auf ihre Werke zu-
rückführbare Arbeiten
füllten unsere Wohn-
ungen. Zhr Lob sang
der Aunstgelehrte, der Aünstler, der Kunstfreund!
Und heute?

Wiit einem Ruck wendet sich die Tonart.

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wö. Gemalte Jimmerlhüre.
Architekt Pros. Eman. § e i d l.
Malerei von Schmidt & Co.

„Begliche Anlehnung an die ,alten WeisteS
strengstens verboten" — so tönt's heute, oder so be-
ginnt's doch zu tönen. Schon beobachtet man den
Rückzug eines großen Theils derer, die sonst als
Priester der „alten Uleister" in ihrenr Tempel das
Weihrauchfaß zu schwingen gewohnt waren, schon
lichten sich die Reihen derer, die ihren Tempel sollst
zu umstehen pflegten! — Wird's noch lange währen,
bis man von dem stolzen Tempel wird sagen können:

„Seine Mauern sind zerfallen

„Und der Wind streicht durch die Hallen,

„Wolken ziehen drüber hin" — ?

Oder kommt's uns nur so vor, als wär's ein
so plötzlicher Ruck?

Zst's in der Thal so, hat das neue Aunstgewerbe,
das uns heute in neuen Publikationen und Arbeiten
entgegentritt, gar keine Berührung mit dem der
letzten Zahrzehnte? Zst's etwas absolut Anderes,
etwas absolut Neues?

Das bisherige Aunstgewerbe unseres Zahr-
hunderts ist ein Unikum in der Geschichte des Aunst-
gewerbes. Nicht daß cs sich an vergangene Stil-
arteü anlehnte, ist das Einzigdastehende, das thaten
auch die frühchristliche, die arabische Aunst, die Re-
naissance ic., das Auffallende, das Niedagewesene ist
vielmehr das schnelle Aufeinander, in welchem die
als Vorbilder aufgestellten „alten Aleister" sich ab-
lösten, der Raubbau, den unser Aunstgewerbe in dem
Formenschatze verschiedener vergangener Aunstepochen
hintereinander getrieben hat.

Allerdings, vergleicht man das heute auf uns
eindringende Neue mit dem, was das bisherige
Aunstgewerbe unseres Zahrhunderts hervorgebracht
hat, fo sieht's aus, als wäre es etwas ganz Neues,
Nochniedagewesenes — vergebens suchen wir nach
solcher Anlehnung an die „alten Nleister", wie wir
sie bisher gewohnt waren, vergebens suchen wir nach
dem Formenüberschwang, den die Aenntniß der ge-
sammten Formensprache vergangener Zeiten natur-
gemäß Hervorrufen mußte.

Euchen wir einmal ein paar Grundgedanken
des Neuen heraus, um zu sehen, ob sie wirklich
Nochniedagewesenes sind.
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