Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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253. Zierleiste von ITT. I. Gradl.

Kchmie-eeisen im
(Xunskgewerke. (Von
(Ute* Lßakßofer.

„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch
Nlles." Diese Worte des Dichters sind, soviel Fluch
auch am Gold klebt, zu allen Zeiten der Wahr-
lpruch gewesen. Schon die Dichter des Alterthums,
^ie das Paradies, wie es uns in der Bibel geschildert
wird, nicht kannten, preisen das goldene Zeitalter
^is die glücklichste Periode der Menschen, und ebenso
Berichten sie uns, daß Verbrechen und Greuelthaten
^as Glück vertrieben und dein goldenen Zeitalter
silbernes und diesem das eiserne solgte, in welchem
^ie Sünde herrschte. Jahrhunderte lang jagte der
Mensch mit allein Eifer dem Phantoiii des Steiiies
Weisen nach, denn dieser glückliche Fund sollte
öas verloren gegangene Paradies wieder aus Erden
ZUrückführeu. Der Stein der Weisen sollte liicht allein
^urch die Umwandlung der unedlen Metalle in edle
Menschen ewigen Genuß, sondern auch das
wahre Glück verschaffen, indeiii er den bösen Men-
gen in einen frommen verwandle und ihm ewige
Gesundheit verleihe. Allein wie so viele andere Träume
b't auch dieser liicht zur Wahrheit geworden.

Weiin Gold und Silber Luxusmetalle sind, das
^we für den Schmuck, das andere für Gebrauchs-
gegeustände edlerer Art bestimmt, so ist das Eisen
öas eigentliche pandwerksmaterial, der verdienstvolle
^'beiter neben den beiden Aristokraten. Es ist das
Material für Schlosser und Schmiede.

Nein Metall hat in den technischen Künsten eine
f° große und umfassende Bedeutung wie das Eisen;
kein Metall ist einer solchen technischen Ausbildung

und dadurch bedingten Wertherhöhung fähig, kein
Metall findet sich aber auch so häufig und allgemein
verbreitet vor.

Auch seine weltgeschichtliche Bedeutung ist heute
über jeden Zweifel erhaben. Zwei Worte sind aus-
reichend, dieselbe festzustellen: „Eisenbahnen und
Dampfmaschinen".

Das moderne Leben ist ohne Eisen nicht denk-
bar. Aus Eisen ist der psiug, der den Boden be-
baut, und die Waffe, die ihn vertheidigt. Unabseh-
bar ist die Reihe der aus diesem Eulturmittel zu
den grundverschiedensten Zwecken erstellten Dinge.
Der das Meer durchfurchende Panzerkoloß, der ver-
derbenbringende Riesenmörser, sie imponiren am
einen Ende dieser Reihe; die Stahlfeder, die Näh-
nadel, die Uhrfeder, diese bescheidenen Erzeugnisse,
imponiren am anderen Ende nicht weniger. Das
Eisen bildet einen großen Theil der Zusammen-
setzung unserer Erdrinde und bedingt auf derselben
Leben und Gesundheit. Eine Pflanze, welche des
Eisenstoffcs im Nährboden entbehren nmß, verliert
das Grün ihrer Blätter und die Fähigkeit, Früchte
anzusetzen; sie wird gelb und fahl, sie leidet an
Bleichsucht. Das Blut des Menschen ist init Eisen
durchsetzt und zu wenig Eisen im Blut haben, ist
gleichbedeutend mit Krankheit.

Zn verschiedenen Formen und Gestaltungen
findet es sich; von den Erzgängen an und den
Erzstücken in denselben bis zum feinen röth-
lichen Staub, den wir als Rost bezeichnen. Es
ist ein ewiger Kreislauf, den das Eisen aus der
Erde in den Schmelzofen, in die Schmiede, in
das paus und wieder in die Erde zurückgelegt; die
tausend und tausend Kleinigkeiten aus Eisen, die
ini paushalt der Natur und der Menschen Tag
für Tag verloren gehen, sie finden in der Erde

Ulinst und Mundwerk. 47. Jabrg. Heft 6.

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