Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Die stilvolle Wohnung.

k skikvokke TDoßnuncj.
(Von L. Hagen.

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Wir haben Alle ein wenig dazu beigetragen,
die stilvolle Wohnung heranzuzüchten. Es ist noch
nicht gar so lange her, seit wir anfingen, die
deutschen Frauen mit dem Stande der Dinge unzu-
frieden zu machen und ihnen „Stil" als Heilmittel
für die Oede und Anwohnlichkeit ihrer Zimmer zu

sind. Einstweilen sind freilich leider die wahrhaft
schönen Sachen nur den Inhabern wohlgefüllter
Börsen zugänglich, der Alasse von Familienvor-
steherinnen (Hausfrauen iin engeren Sinne des
Wortes sind sie nicht), die es für unmöglich halten,
daß das, was vor zehn Jahren schön war, es noch
heute sein könnte. Sie, die nur allzusehr geneigt
sind, die bescheidenen Rechnungen der privatlehrer-
innen ihrer Rinder zu hoch zu finden, schütteln sich
vor Ekel über die blauseidenen Damastgarnituren

98 u. 99. Gläser von Gallo. (Etwa lh der wirkt. Größe.)

empfehlen. Jetzt, wo alle historischen Stilsormen
durchprobirt und wir glücklich wieder am Aus-
gangspunkte angelangt sind, hat man angefangen,
im Licht und in der Farbe das peil zu suchen.
Auch die Vereinfachung der Formen und Verzicht
aus protzenhafte Ornamentik wird als Heilmittel für
die überwuchernde „Stilsucht" der modernen Frauen
und ihrer Helfershelfer, der Dekorateure, empfohlen.
An Vorschlägen zum Bessern herrscht überhaupt
kein Wangel, und man müßte blind sein, wenn man
leugnen wollte, daß Fortschritte in der künstlerischen
Ausstattung unserer Wohnungen gemacht worden

ihres Salons, die doch vor fünf oder sechs Jahren
den Gipfelpunkt ihrer Schönheitsideale darstellten.
Und sie ruhen nicht, bis für die Durchschnittssumme
von s0 000 Mark eine neue Einrichtung geschafft
worden ist. Wird man sie über fünf Jahre noch
schön finden? Das ist leider ein Punkt, über den
wirklich solide und sparsame Damen kaum jemals
Nachdenken. Sie zerbrechen sich wohl bisweilen die
Röpfe darüber, wie man das Wirthschaftsgeld bester
eintheilen könnte, aber das Denken ist nicht ihre
Sache, ausgenommen etwa, wenn es gilt eine kleid-
same Toilette zu beschaffen. Und auch die Toilette

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