Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Ehronik des Sayer. Kunstgewcrbevereins.

ächmäht d'rum die Alten nicht — die hohen Meister,
Die ihrem Volke einst die Führer waren,

And schmäht auch jene nicht, die treu sich müh'n,
Der Väter Erbe allzeit zu bewahren —

Die, edlen Priestern gleich, uns Hüter sind
Des reichen Schatzes, der uns anvertraut.

Ihr aber, die Ihr dieses Priesteramtes
In unentwegter Schaffensfreude waltet,

Die Ihr den Werdegang des Schöpfungstriebes
Der Menschheit klar vor Euren Augen seht,
Vergesset nicht, mit Emsigkeit zu lauschen,

Wenn Frühlingswinde weh'n und neues Leben
In frischen Reimen auf zum Lichte dringt!

Auch unsre Zeit will ihre Sprache sprechen,

Will ihrem Sehnen neue Form verleih'n!

-Dir sind die Rinder unseres Jahrhunderts,

In uns lebt alles das, was es gebracht
An segensreicher, ungeahnter Fülle!

2o groß, so herrlich, wie noch keins gewesen,

Erfüllt es uns mit mächt'ger Schaffenskraft!

Die neue Zeit will neue Meister haben;

Es stürmt und drängt hervor allüberall!

Gebt freie Bahn! — Sie wollen Meister werden
Die Jungen mit dem alten Sehnsuchtstrieb

Nach jenem Lande, wo die Schönheit wohnt —

Sie wollen ihr in ihrer Meise dienen,

Der Weise uns'rer Zeit und uns'res Fühlens!
Gebt freie Bahn! — Und habt Ihr freie Bahn,
Dann denkt daran, Ihr Jungen — unsre Hoffnung —
Welch' hohes Ziel Ihr zu erringen habt:

Euch sollen kommende Geschlechter preisen
So hoch wie jene, die wir Meister nennen!

Ihr sollt das gleiche Erbe hinterlassen
Wie unsre Alten, die doch ewig jung!

Setzt Eure ganze Rraft an Euer Schaffen,

Aus daß es des Jahrhunderts würdig sei!

Und gilt's auch heißen Rampf — erlahmet nicht,
Besonders nicht im Rampfe mit den Alten!
Erkennt Ihr's recht, wofür dieselben streiten,
Dann ist's ein Rampf, der Lust und Freude weckt!
Und wenn Ihr Seite so an Seite kämpft,

Wenn jeder ehrlich um das höchste ringt,

Dann laßt vereint — Ihr Jungen und Ihr Alten,
Als Friedensgenius die Schönheit walten!

Jos. v. Schmaedel.

(vorstehendes ist der Inhalt jener Ansprache, welche Architekt
I. v. Schmaedel am Lröffnungsabend der Wochenversammlungen
des bayer. Kunstgewerbevereins, 9. Nov. v. I., gehalten hat.)

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Lßromt k$ SamiM MnMivkrökMM.

Alkgemeines.

Der Exlibris-Wettbewerb des Lunstgewerbevereins. Der
Entscheid über diesen am 25. November abgelaufenen Wett-
bewerb verzögerte sich durch den Umstand, daß einer der preis-
echter, Prof. Fr. v. Thicrsch, erst am 5. Dezember nach
längerer Abwesenheit zurückkehrte. Das Preisgericht, bestehend
aus dem genannten Architekten, sowie dem Bildhauer Jos.
>?loßmann und dem Ulaler Wilh volz, trat am De-
.iember zusammen; das Urtheil desselben wurde am gleichen
l^age in der Vereinsversammlung durch Prof. v. Thiersch be-
kannt gegeben. Dem daraus bezüglichen Protokoll entnehmen
a'u, daß 2: Entwürfe rechtzeitig eingelaufen waren und daß
aach wiederholter Ausscheidung der nicht ganz den Anforderungen
Jenügenden Entwürfe der Entwurf von Jul. Dietz mit dem
Preise (;oo Ulk.) ausgezeichnet wurde, während je ein Entwurf
aon Ul. Feldbauer und Wenig, sowie zwei Entwürfe von
sans Schlicht zum Ankauf empfohlen wurden. Bei der Be-
urtheilung waren folgende Gesichtspunkte maßgebend: der

künstlerische Werth im Allgemeinen, 2. die Stilistik, z. die
Frische der Empfindung, 4- Klarheit der Zeichnung mit be-
londcrer Rücksicht ans die Verkleinerung, 5. leichte Erkennung
äes besonderen Zweckes (Büchersammlnng eines Vereins zur
?stege des Kunsthandwerks).

Die Wahl des I. Vorstandes durch den Vereinsausschuß
l?at am 5. Januar stattgefunden; das Ergebniß war, daß Prof.

Fr. v. Thiersch mit Einstimmigkeit gewählt wurde. Es
steht zu hoffen, daß mit der zum voraus gesicherten Einnahme
der Wahl die aufgeregten Gemüther sich beruhigen werden und
daß sonnt das von Prof. v. Thiersch gebrachte Gpfer kein
vergebliches sei.

Zur stehrlingspreisbewerbung sind bis zum Schluß des
Termins (5\. Dezember) 9 Lehrlinge von ihren Meistern an-
gemeldet worden. In die Prüfungskommission, welcher die
3 Vorstände — Prof. v. Thiersch, lsofjuwelier Merk und
Bauamtmann ksocheder — angehören, wurden ferner gewählt:
Kunsttischler Till, Vergolder Ruedorfer, die Kunstschlosser
Bußmann und Lotze, die Maler Lentner, Alois Müller,
Rich. Riemerschmied, Goldschmied bseiden und Bildhauer
Rau ch.

Aus der Prinzregent - stuitpoldstiftung ist dem verein
seitens des Ministeriums des Innern ein Beitrag von 2300 M.
zugewendet worden.

Die Vereinsbibliothck ist nunmehr in der schon früher
gemeldeten Form benutzbar geworden, so daß von jetzt an
Werke an Vereinsmitglieder ausgeliehen werden; die Bibliothek-
ordnung, deren Grundzüge wir bereits in Nr. s des letzten
Jahrganges gebracht haben, gibt über die Ausleihebestiminungen
näheren Aufschluß.

— l-ls —

Uunft und lZundwkrk. 47. gahrg. Heft 4.

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