Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Wie ein Uünstlerfest gemacht wird.

der unten ausgestellten Figuren Schnitte in Papier
fertigte, zur Disposition stellte und überall Rath
ertheilte.

Noch war eine Aufgabe zu lösen: das Rostüm
für das Repräsentationscomite. v. Stetten, der den
Entwurf hiezu «„fertigte, war unermüdlich, den ver
fchiedenen, sich oft widersprechenden Wünschen der ver-
schiedenen Rollegen nachzukommen. So kam schließ-
lich ein Alle befriedigendes, in verschiedenem Roth
hergestelltes, mit Gold verziertes Gewand zu Stande,
das durch die weiße Binde, die die Stirne bedeckte und
von einem Lorbeerkranz überschnitten wurde und zu
beiden Seiten bis auf die Schulter herabfiel, noch
mehr gehoben wurde.

Dieses Alles hat sich hauptsächlich im Aünstler-
hause selbst abgewickelt. Aber welche Thätigkeit
herrschte noch außerhalb desselben! Da haben Prof.

mg. Postkarte von: Münchener Aiinstlerfest von A. iöengeler.
(Verkleinert.)

Papperitz und Hierl-Deronco die Rostüme für die
tanzenden Mädchen anfertigen lassen und hat ersterer
die egyptische Gruppe arrangirt und kostümirt; da
hat der Rünstler- Sängerverein seine wunderbare
assyrische Gruppe vorbereitet (Abb. Zß6 und 398),
die „gesellige Bereinigung" der Münchner Rünstler-
Genossenschast noch in letzter Stunde die Gruppe zum
Walfisch von Ascalon hergestellt — und der Rünst-
lerinnenverein die Bacchantinnen und Tänzerinnen.
Es war eine allgemeine Mobilmachung.

Eine weitere Thätigkeit hat sich in den ver-
schiedenen Bildhauerateliers entwickelt. Die Bild-
hauer Floßmann, Balthasar Schmidt, Erwin
Aurz, Dittler, ^ugo Kaufmann ic. hatten eine
ganze Serie wunderschöner, plastischer Arbeiten: Re-
liefs, Tanagra-Figuren rc. hergestellt für eine Tom-
bola, die leider wegen Mangel an Bühnenraum am
Festabende gar nicht zu Stande kam.

Erst am nächsten Abend wurde dieselbe während
der wiederholten Vorführung der Tänze und Gruppen

im Zuschauerraum aufgestellt und fand den lebhaf-
testen Absatz, Hiebei war auch die reizende Denk-
münze von 3. Beyrer jun. (Abb. H08) reich ver-
treten — nicht minder die reizende Serie von Bilder-
Postkarten, die bereits in Pest 7 (S. 237) eingehend
besprochen wurde und aus der wir einige besonders
bezeichnende Beispiele hier abbilden t. 8—H20).

Bei den Proben zeigte sich possart in seiner
ganzen Größe; wie ein Feldherr beherrschte er das
Ganze und steckte alle Mitwirkenden mit seiner
eigenen Begeisterung an. 3" der Schlußsitzung des
Tomites nach dem Feste hat er auch erklärt, daß er,
was Scenerie und Tostümirung anbelangt, durch
dieses Fest ganz neue Anregungen empfangen habe,
welche er zu Nutz und Frommen seiner Bühne
bestens zu verwerthen bestrebt sein werde. Die Archi-
tektur, die Prof. Bühlmann so wunderbar künst-
lerisch schön und technisch exakt im Großen durch
Theaterdekorationsmaler Mettenleitner Herstellen
ließ, wirkte durch hen ganzen Ausbau der Scenerie
durchaus nicht wie Toulissen oder Versatzstücke. Man
wandelte thatsächlich vor diesen Tempeln, auf diesen
Marmorstufen und auf diese,n Mosaikpslaster, welches
vorzüglich imitirt war, die Säulen waren wirkliche
Säulen; man- saß auf diesen Marmorbänken, die
von dunkeln Typressen beschattet waren rc. in dieser
lauschigen Pergola.

3e mehr das Tostümkomite in den letzten Tagen
entlastet war, desto mehr war das Finanzkonnte in
Anspruch genommen. Dieses hat unter der Führung
des unermüdlichen, fortwährend bestürmten, immer
gleich liebenswürdigen Direktors Pröbst Anglaub
liches geleistet. Und der Mann, auf dessen Schultern
das Allerineiste aufgehäuft war, der mit einer emi-
nenten Umsicht, Ruhe, nie ermüdend, nie den Humor
verlierend, bis zum Schluffe aushielt, ja noch über
den Schluß hinaus — Benno Becker hat gezeigt,
welcher Aufopferung Zemand fähig sein kann, wenn
es gilt, etwas Großes durchzuführen, und wenn er
das Zeug und die Begeisterung dazu hat.

Die Theilnehiner an den, schönen Feste mußten
allerdings nainhafte pekuniäre Opfer bringen, aber
es wird ihnen zur Beruhigung dienen, daß diese
erheblichen Summen ja größtentheils wieder in die
Taschen unserer Mitbürger zurückflossen und daß ein
so reicher Ueberschuß — 25000 M. — zur Hälfte
der Aünstlergenossenschaft für den Rünstlerhausfond
und zur Hälfte der Secession zufallen konnte.

Möchte der unumstößliche Spruch: „Einheit
macht stark", der sich bei dieser Gelegenheit 1°
glänzend bewährt hat, auch auf andern Gebieten
als den, der Feste unter den Rünstlern München-
immer mehr Platz greifen!

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