Bayerischer Kunstgewerbe-Verein [Editor]
Kunst und Handwerk: Zeitschrift für Kunstgewerbe und Kunsthandwerk seit 1851 — 47.1897-1898

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Kleinkunst auf der Münchener Kunstausstellung.

sich für dieses Entgegenkommen durch ihre Leistungen
dankbar. Ihre Vorhang- und Möbelstoffe mit den
Motiven „Chrysanthemum", „Iris", „Pfingstrosen",
„Schwalben" finden begeisterte Verehrer im Lager
der „Alten" so gut wie in dem der „Jungen"; denn
wenn auch die Musterung modern ist, so fühlt doch
jeder darin unbewußt ein gesetzmäßiges Malten —
und sei es auch das der Maschine — das dem Ganzen
seinen Charakter, seinen Stil aufprägt. Das ist moderne
Maschinenarbeit, wie sie sein soll; sie verleugnet nirgends
ihre Herkunft und ist dabei doch in der ganzen Er-
scheinung so vornehm, besonders in der Farbe so frisch
und doch zurückhaltend, so bunt und doch völlig
harmonisch, daß auch der verbohrteste Alterthümler
daran Freude haben kann. Aus der Musterung
selbst ersieht man, welch' gute Schule eine solide
Technik, die festen Gesetzen unterworfen ist, für den
Grnamentiker stets bleibt.

-i- *

Aus dem ebenso reichen als dankbaren Gebiet
der Büchera usst „ t!un g hat nur ein Künstler
Proben gekcf3]t, Max Trier; seine Bucheinbände,
Vorsatzpapiers, Exlibris bilden eine Gruppe für
sich. Menu auch einzelne Stücke derselben mit den
Forderungen des Zweckes etwas in Widerspruch ge-
rathen — die auf Pergament gemalten Buchein-
bände z. B. (vgl. Abb. sOZ) erscheinen selber zu
schonungsbedürftig, um den Zweck ihres Daseins, dem
Buch als Schutz zu dienen, klar zum Ausdruck zu
bringen —, so steckt doch in all diesen und anderen
Arbeiten Erler's ein so tiefer geistiger Gehalt und
ein so hohes künstlerisches Können, daß dieselben eine
besondere, eingehendere Besprechung verdienen, die
wir uns für eine der nächsten Nummern Vorbehalten.

* *

*

Noch wenige Wochen, und die „Kleinkunst" im
Glaspalast wird sich wieder in ihre Elenrente aus-
lösen; der Anstoß aber, den diese kleine Gruppe in
den Kreisen der Künstler gegeben, wird nachwirken,
und der nächste Anlaß wird darthun, ob der aus- !
gestreute Saure keimfähig war und auf fruchtbares
Erdreich gefallen ist.

Unstreitig ist nranche dieser modernen Früchte
unreif, Vieles verfehlt und keiner gesunden Entwick-
lung fähig; es muß sogar zugegeben werden, daß
auch platte Neuerungssucht, Mode, Reklame ihren
Antheil an dein Anschwellen der modernen Strö- >
nrungen haben. Aber wie es trotzdem seitens der
„Alten" Verblendung wäre, wenn sie den „Jungen"
durchweg den Errrst absprechen wollten, so nrögen die
„Jungen" der Mahnung eirrgederrk sein, die Richard
Wagner den „alten" Hans Sachs zu dem „jungen"

Walther von Stolzing sagen läßt: Verachtet mir die
Meister nicht. — Denn wie die Natur neue Formen
stets nur durch Umbildung der alten schafft, so darf
auch das Kunsthandwerk unserer Tage nicht auf die
früher geschaffenen Vorbilder verzichten. Wie sich
aber andrerseits in der Natur eine solche Umwandlung
unanbewendbar vollzieht, sobald veränderte Lebens-
bedingungen dies erheischen, so wird das zeitgenössische
Kunsthandwerk nur dann lebens- und entwicklungsfähig
bleiben, wenn es seine Schöpfungen den Bedürfnissen
und Verhältnissen der Gegenwart anpaßt.

Was Lebensfähigkeit besitzt, das wächst und ge-
deiht; was den Keim des Verderbens in sich trägt,
das stirbt ab. Wir können wohl die Entwicklung

9;. Platte von kjerm. Kahler.

des Gesunden hemmen oder fördern, das Absterben
des Ungesunden aufhalten oder beschleunigen; aber
zu hindern verniögen wir weder das Eine noch das
Andere.

Von solchen Anschauungen ging die vorliegende
Besprechung aus; sie hat deßhalb versucht, einen
möglichst objektiven Standpunkt einzunehmen und
die Dinge weder mit dem Maaßstab der „Alten" zu
messen, noch ihnen die Begeisterung der „Jungen"
entgegenzubringen — in der Ueberzeugung, daß es
die ruhige Entwickelung des Kunsthandwerks
mehr fördert, wenn man die neuen Erschei-
nungen sachlich prüft und in ihrer Eigen-
art zu begreifen sucht, als wenn man sie
kurzer Hand verwirft oder sie blindlings
bejubelt.

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