Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Nr. 2.

23. Iahrgang.

20. Oktober.

Aunstchronik


t887/88.

wochsnschrift für Aunst und Aunstgewerbe.

Ankündiguugsblatt dcs verbaudes der deutschen Ruustgewcrbevereiue.

Herausgeber:

C/arl v. Lntzow uud Arthur j)abst

wien Berliu, XV.

Cheresianmngasse 25. Aurfürstenstraße 5.

Lxpedition:

Teipzig: L. A. Leemann, Gartenstr. H5. Berlin: w. Aühl, Iägerstr. 73.

Die Aunstchronik ersch eint von Vktober bis Lnde Iuni wöchentlich, im Iuli, August und September nur aller isH Tage und kostet in verbindung
mit dem Au n stg e rv e rb eb l a tt halbjährlich 6 Mark, ohne dasselbe ganzjährlich 8 Mark. — Inserate, ä 50 pf. für die dreispaltige petitzeile,
"ehmen außer der verlagshandlung die Annoncenexpedilionen von tzaasenstein 6c vogler in Leipzig, wien, Berlin, München u. s. w. an.

^nhalt: Ein neuer Tempel in UAen. — Aunftlitteratur: Bob. Schmidt, ^chloß Gottorp. — H. 3. bHe?e, 6iovannl Ouprä; der neue Dres-
d^ener Galeriekalalog^ —^Lrgebnisse der 261,istaus^stelking^ in venedig^. Ästerre^iäftsch^er Aulistvcrem G^rgebnisse^der Aquarellausstellung sn

Liu neuer Tempel iu N)ien.

" Mit dem kürzlich eröffueteu türkisch-isrnelitischcn
^einpel (iu der Levpoldstadt, Cirkusgasse) hat Wieu
ueue bauliche Sehenswürdigkeit erhalteu. Gar
leltsam koutrastirt das im zierlicheu maurischeu Stil
gehalteneGebäude mit seiner nüchterueuUmgebuug, uud
"ur zn bcdaueru ist es, dasz das origiuelle Werk zu
lehr pon der Ziuskaserneu ciugeengt erscheint uud
kauiu eine schmale Front, der Straße zu, zur Fassaden-
eutwicklung übrig blieb. Doch hat schon an dieser
^telle den Architekt, Hugo R. v. Wiedeufeld, eiu
lleines Meisterwerk geschaffen. Durch ein reich ge-
glicdertes Steiuportal tritt man zuuächst iu einen vou
gedeckten Arkaden umgebeuen Vorhof, an desseu Seiteu-
ü'änden zur Rechten uud Linken sich die auf deu Bau
^öüglicheu Gedeuktafeln befiudeu. Die schlaukeu
^üulen vou rotem Marmor, das reich entwickeltc, mit
ö'erlichen Trägeru nusgestattete Gebälk uud die vor-
üehme Pracht der Ornamentik in Gold und Farbe
erinnern au die luftigen Höfe der Alhambra. Deni
^intreteuden gegenüber entfaltet sich in reicher archi-
tektonischer Umrahmung, mit den religiösen Emble-
wen ausgestattet, das Eingangsportal des Tempels
"nd darüber die schmucke Fassade mit ihrer Filigrau-
ornamentik in flachem Relief, durch Gold nnd Farbe
öu schönen Esfekten gehobeu. Dahinter steigt die ge-
Waltige Kuppel des Tempels auf, der sich als acht-
eckiger Centralbau den Eingangshallen anschließt. Hier
im Jnneubau hatte die Phantasie des Architekten freien

Spielraum, er konnte nameutlich in der Dekora-
tion die gauze Märchenpracht der maurischeu Prunk-
geniächer, wie sie uns in Granada uud Sevilla noch
zum Teil erhalteu siud, entfalteu. Der sreie, luftige.
Raum mit seiuen Galerieu, zierlichen Nischen, farbi-
gen Säulen uud marmorglüuzenden Wändeu, mit
seiner Kaleidoskop-Ornamentik, die sich in der Knppel-
tvölbung bis zur Laterne in mathematischeu Ver-
strickuugen emporzieht, die feine Gliederuug iu alleu
Teilen und das harmonische Zusammeuklingcn snmtlicher
Einzelheiteu zu einem schönen Ganzen: dies alles ist
von zauberischer Wirkuug. Eiue Fülle von Licht strömt
durch die sterusörmig in die Kuppel eingeschnittenen
Fensteröffuungen und erhellt in wunderbarer Gleich-
mäßigkeit deu erhabenen Raum. — Bei der feier-
licheu Eiuweihuug des Gotteshauses, welche Sonutag
den 18. September stattfaud, hatteu sich die Mitglieder
der Gemeinde vollzählig in dem Kuppelbau ver-
sammelt; in eiuer Loge saßen die Attaches der tür-
kischen Botschaft und der rumäuischeu Gesandtschaft;
außerdem hatten sich die Spitzen der Behörden von
Wien und hervorragende Würdenträger anderer Kon-
fessionen eingefuuden. Die Feier begann mit eiuer
kurzen Ansprache, die der Erbauer, Architekt R. von
Wiedenfeld, au den Präsidentcn der Gemeiude, Herrn
MathiasM. Russo, richtete, als erdemselben die Schlüssel
des Hauses übergab. Unter Orgelspiel uud Chorgesaug
wurden dann die Gesetzesrollen znr Bundeslade ge-
trageu, das Licht der ewigen Lampe augezündet nnd
vom Rabbiuer Papo in spauischer Sprache eiu Gebet
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