Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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John Webber und die Erfindung der Lithographie.

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abhängig ist von Rücksicht anf herrschende Partei-
ansichten oder Modetheorien, wie sie neuerdings in
Pamphleten und Fachzeitschriften grassiren.

Das zweibändige Werk in handlichem Oktav-
format ist mit nahezu 250 Umrißzeichnungen illustrirt
und hat am Ende ein ausführliches Orts- und
Namenverzeichnis von 142 Seitenspalten — das
ganze Werk umfaßt 760 Seiten. — Diese Verzeich-
nisse sind so angelegt, daß das Buch äls Reisebegleiter,
besonders in Jtalien, vortreffliche Dienste leisten kann.
Von dem alten Kuglerschen Texte ist das meiste in
den ersten Abschnitten beibehalten worden, welche
von der altchristlichen Kunst handeln. Hier ist in
der Hanptsache nur gekürzt worden. Vielleicht hütten
da auch neuere Forschungen mehr berücksichtigt werden
kvnnen, als es bei einzelnen Details geschehen ist,
doch ist die allgemeine Auffassung korrekt. Für die
Zeit der spätmittelalterlichen uud der Renaissance-
malerei, wie auch für die Epoche des Verfalls sind
die einzelnen Mälerschulen in gesonderten Kapitetn
behandelt. Hierbei ist als besonderes Verdienst her-
vorzuheben, daß in der Schilderung der Stilentwickelung
bei den einzelnen Malern das Organische derselben
mit jener Folgerichtigkeit nachgewiesen wird, welche
zuerst Morelli-Lermolieff als die einzig naturgemäße
logische Auffassung der italienischen Kunst ins Licht ge-
stellt hat, zu einer Zeit, wo die Beeinflussungstheorie
der Herren Crowe und Cavälcaselle rc. noch als eminent
wissenschaftlich galt. Man würde aber sehr irregehen,
wenn man annehmen wollte, die UnabhängigkeitLayards
von den genannten, sonst viel citirten Schriftstellern
über italienische Kunst habe eine mindere Vollständig-
keit des einschlägigen Materials zur Folge gehabh
Jm Gegenteil. Selbst der Spezialforscher wird in
den beiden Bänden Layards hin und wieder Angaben
begegnen, über welche litterarische Nachweise ihm sonst
schwerlich zu Gebote stehen. Nach unserem Dafür-
halten ist diese Geschichte der italienischen Malerei unter
alleu existirenden Handbüchern, welche den Gegenstand
behandeln, dasjenige, welches wissenschaftlichen Fort-
schritt und' Popularität auf das glücklichste vereinigt,
und in Rücksicht hieranf möchten wir ihm auch in
Deutschland viele Freunde wünschen.

Florenz, im Oktober 1887.

Jean Paul giichter.

Iohn Webbsr und die «Lrfindung der
Lithographie.

Auf S. 16 des im Erscheinen begriffenen Pracht-
werkes „Die vervielfältigende Kunst der Gegenwart"
(Ges. für verv. Kunst, Wien, 1886 ff.) ist in Bezug
auf die Lithographie Folgendes zu lesen: „Der Er-
findung Senefelders gingen verschiedene Versuche voran,

Zeichnungen auf Steinplatteu für den Druck zu ver-
wenden. John Webber, der Begleiter Cooks auf
dessen letzter Reise in die Südsee, gab 1788 in London
zwei seiner mit höchster Sorgfalt ausgeführten Zeich-
nungen in lithographischem llmdruck heraus." Und
dazu die Anmerkung: „S- iiber den Künstler und über
die obenerwähnten, für die Vorgeschichte der Litho-
graphie höchst interessanten Blätter: I. G. Meusels
Museum, XIV. Stück (1791), S. 46 ff. und I. D.
Fiorillo, Geschichte der zeichnenden Künste, V, 718 ff.
Ein Heft mit 23 Bleistiftzeichnungen Webbers von
der Cookschen Reise (darunter die zwei von Meusel
erwähnten, welche der Künstler in Umdruck publizirte)
befindet sich im Besitze des Herrn M. König in Wien,
welchem wir die obige Notiz verdankeu."

Dieser Passus muß natürlich jeden, der sich ein-
gehender mit der Geschichte der Lithographie beschäftigt
hat, lebhaft interessiren; denn einmal führt er eine
ganz neue, bisher noch nie darin erwähnte Persön-
lichkeit in diese Geschichte ein, andererseits aber ist die
hier einfach als Thatsache hingestellte sogenannte Er-
findung Webbers,— die Erfindung nämlich des litho-
graphischen Umdrucks, — von so hoher Bedeutung,
daß es nnmöglich ist, darüber hinwegzugehen, ohne
die Beweisgründe für und wider mit gewissenhaftester
Genauigkeit untersucht zu haben. Verglichen mit den
hier für Webber erhobenen Ansprüchen sind die, tvelche
im Jnteresse Simon Schmids gemacht worden sind,
von verschwindender Bedeutung. Jn dem Prozeß
Schmid gegen Senefelder handelt es sich ja eigentlich
gar nicht um die Erfindung der wirklichen Litho-
graphie, sondern nur darum, welcher von den beiden
zuerst auf den Gedanken kam, auf Stein hochzuätzen?
Der Umdruck aber war es gerade, welcher Sene-
felder nach mehrjährigem Herumtasten endlich (1798 —
1799) auf die wirkliche Lithographie, d. h. auf den
chemischen Druck führte, und nun soll ihn plötzlich
Webber zehn Fahre früher ohne alle Vorbereitung,
und zwar gleich, wie wir sehen werden, mit dem Vor-
satze erfunden haben, seine Zeichnungen auf eine Weise
zu vervielfültigen, welche die Arbeiten der gewaudtesten
Stecher seiner Zeit übertreffen sollte. Es ist uötig,
sich über die Tragweite dieser Behauptungen klar zu
iverden, um einsehen zu können, wie haarscharf an
das Wunderbare Webbers supponirte Erfindung streifen
würde, falls sich dieselbe wirklich feststellen lassen
sollte. Bei der Ersindung der Lithographie fanden
sich mehrere Faktoreu zusammen, ohne welche dieselbe
überhaupt nicht möglich gewesen wäre: — der Zwang,
den die Not auf Senefelder ausübte, die naturwissen-
schaftliche und zumal chemische Bildung, welche er sich
angeeignet hatte, seine vorhergehende Beschäftigung
mit Ätzversnchen aller Art, und — man möchte fast
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