Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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23. Iahrganq.

1887/88.

Aunstchromk

Nr.

3. November.

Wochenschrift für Aunst und Aunstgewerbe.

Ankündigungsblatt des verbandes der deutschen Aunstgewerbevereine.

Herausgeber:

Larl v. Lützow und Arthur j)abst

N)ien Berlin, V/.

Lxpedition:

Leipzig: L. A- ^eeinann, Gartenstr. Berlin: w. Aühl, Jägerstr. 73.

Runstchronik erscheint von Vktober bis Lnde Iuni wöchentlich, im Iuli, August und September nur aller Tage und kostet in verbindung
Mit dem Runftgewerbeblatt halbjährlich 6 Mark, ohne dasselbe ganzjährlich 8 Mark. — Inserate, ä 30 pf. für die dreispaltige peritzeile,
^ehnren außer der verlagshandlung die Annoncenexpeditionen von ^aasenstein vogler in Leipzig, wien, Berlin, München u. s. w. an.

-^nhait: Die Malweise ^ans Holbeins. — Iohn webber und die Erfindung der Lithographie. (Schluß.) Liste der webberschen Radirungen. —
Noch Liniges über Lieven de Rey. — Ästerreichischer Runstverein. — Frankfurter Runstauktion. — Zeitschriften. — Inserate.

Die Malweise hans holbeins.

Die Wiederherstellung der Darmstädter Madonna
zum eindringenden Studium der Malweise des
3roßen schwäbischen Meisters erneuten Anlasz geboten.
^inige beachtenswerte Beiträge zu dieser Sache ent-
l>i>lt ein Aufsatz von Georg Hirth in den Münchener
„Neuesten Nachrichten", welchem wir die nachfolgen-
Abschnitte entnehmen. Hirth geht bon Zahns
bielcitirter Analyse der Maltechnik Holbeins (Jahrb.

Kunstwissensch. V, S. 152 ff.) aus, die er „ein
^eisterstück kunstgeschichtlicher Darstellung" nennt,
^nd sährt dann fort: „Jn dieser Beschreibung wird
^ie leuchtende Tiefe und der emallartige Schmelz
^ Holbeinschen Bilder auf ein uns unbekanntes
»n>ehr harziges als fett-öliges Bindemittel" znrück-
äeführt. „Der Schmelz dieser Farbe (sagt Zahn) er-
Mnert noch unmittelbar an die altflandrischen Bilder,
^eren leuchtende, bei großer Deckkraft dennoch dem
Zeschmolzenen Metalloxyd ähnliche Farbe jedenfalls
*nit demselben Bindemittel behandelt war. Jenes
^indemittel gestattete sowohl die flüssige Verschmelzung
^er nassen (?) Farbe, wie das schärfste Absetzen der
neben- und übereinander gesetzten Töne". Ferner
lvricht Zahn von der „ganz gleichmäßig Pastosen
^usführung" der Fleischtöne an Gesichtern und
Händen.

Hiernach ständen wir, ständen unsere heutigen
Nialer vor einem unbekannten X; wäre die Malweise
des großen Meisters so lange eine unerreichbare Kunst,
lo lange uns die Kenntnis des vorausgesetzten myste-
^iösen „Bindemittels" verschlossen bliebe. Nach der

Meinnng Hausers aber haben Holbein sowohl als
seine Zeitgenossen und Vorgänger sich bei ihren „Öl-
bildern" keines anderen Bindemittels bedient, als des
reinen Öles (z. B. des Leinöls, nach Bedürfnis wohl
auch mit flüchtigen Olen verdünnt), nnd sind die
Leuchtkraft und der Schmelz der Holbeinschen Bilder
vielmehr in dem Malgrunde, in der soliden und sau-
beren Vorbereitung des Gemäldes, sowie in dem
Verhältnis der Lasuren zur Pastosen Anlage der
Lokalfarben zu suchen. Und fürwahr, diese einfache
und natürliche Erklürnng wird zur unumstößlichen
Überzeugung, wenn man, die Lupe in der Hand, das
nnnmehr hell lenchtcnde Darmstädter Madonnenbild
genau betrachtet.

Es ist eine alte Erfahrung, daß jeder dunkle
Malgrund im Laufe der Zeit durch die aufgetragenen
Farben mehr oder weniger hindurchdringt, sie „durch-
wüchst" und ihnen ihre nrsprüngliche Reinheit raubt.
Bolus z. B. zehrt dünn bez. lasurartig aufgetragene
Farben geradezu auf. 11m diesem Durchwachsen eines
dunklen Grundes einigermaßen zu begegnen, müssen
namentlich helle Farben (Weiß, Fleischtöne rc.), deren
Trübnng am ehesten in die Angen fällt nnd am
meisten störend wirkt, sehr dick aufgetragen werden.
Auf Holbeins Bildern find nnn aber gerade die
hellen Lokaltöne, wenn auch pastos, so doch verhültnis-
mäßig sehr dünn gemalt, und gerade diese hellen Töne
machen den schmelzartigen Eindrnck. Wenn hier über-
haupt von einem „Durchwachsen" des Malgrundes
gesprochen werden könnte, so wäre es nnr in dem'
Sinne, dasz wir ihn gewissermaßen durchleuchten zu
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