Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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2gz Düsseldorfer Ausstellungen. 204

Als ich in Aidin (Tralles) ein Pferd mieten
wollte, um nach Zelat zn reiten, erklärte der Agogiat,
von einem Ort Zelat in der Umgebung Aidins nichts
zu wissen, und die gleiche Antwort erhielt ich von
ungefähr einem Duhend anderer Einwohner, die mir
sämtlich als besonders ortsknndig empfohlen waren.
Mein Erstannen wuchs, als ich die wirkliche, auch
anf der großen Kiepertschen Karte verzeichnete Lage
von Zelat erfuhr. Der einzige Ort dieses Namens
in Kleinasien liegt auf der Bahnstrecke Smyrna-
Aiasluk (Ephesos), er ist die vorletzte Station vor
Aiasluk, nngefähr 65 Kilometer von Smyrna und
62 Kilometer von Aidin entfernt. Zwischen Zelat und
Aiasluk in der Nähe der Station Kosbnnar befindet
sich die mittelalterliche Festungsaulage Kezi-Kalessi
auf dem Gipfel' eines steil abfallenden Berges.

Schon nach der Lage der beiden Orte war es
unwahrscheinlich, daß hier Terrakotten gefnnden sein
sollten; gleichwohl beschloß ich die Strecke abzureiten,
nm genauere Erkundigungen einznziehen. Jch brach
von Aiaslnk am 31. Jnli morgens auf nnd erreichte
in einer nnd einer halben Stunde Kosbunar und
von da in einer Stunde Zelat, welcher Ort nicht, wie
in der Fundnotiz angegcben, aus 120, sondern aus
6 Häusern besteht. Abgesehen von einer christlichen
Grabanlage mit zwei Kammern, angeblich nngefähr
eine Stnnde östlich von Kosbunar, befindet sich in
der ganzen Gegend, ebenso wenig in der Ebene wie
auf der Höhe von Kezi-Kalessi, weder eine Nekropole
noch sind hier, wenigstens in den letzten Jahrzehnten,
fnr welche Zeit sich die Lente von Kosbnnar und
Zelat verbürgen konnten, Funde von Antiken gemacht,
wie denn anch von solchen aus früherer Zeit nicht
das Geringste verlautet. Wäre die Ansbentnng der
angeblichen Gräberfelder, die doch nach jener gcnane-
ren Schilderung unmöglich so sehr einfach sein könnte,
auch noch so heimlich betrieben, sie hätte nicht den
Anwohnern der Gegend gänzlich verborgen bleiben
können.

Jch muß deshalb jene Fnndangabe sür nnwahr
halten und habe aus dieser Ansicht kein Hehl gemacht.
Anffällig ist dabei, daß vor einigen Wochen eine
Terrakottagruppe derbezeichnetem Art einem athenischen
Knnsthändler znm Kauf angeboten und daß jetzt nicht
mehr Kleinasien, sondern Tanagra als Fundort an-
gegeben wurde.

Athe», Oktober 1887. Fr. Wintcr.

Düsseldorfer Ausstellungen.

(Schluß.)

Wenn ich eines an der Ausstellnng beteiligten
Künstlers erst jetzt gedenke, so geschieht es, weil er
gleichzeitig durch Arbeiten an anderer Stelle unsere

Anfmerksamkeit in Anspruch nimmt. Ednard Kämpfer
gehört zn den in Dresden prämiirten Düsseldorfern.
Seine Studien nach der Natur, unter denen die Tier-
studien das Jnteresse vor allen anf sich ziehen, zeigen
den Zeichner von Gottes Gnaden. Als solcher er-
freut sich der Künstler in den akademischen und freien
Knnstlerkreisen schon längst voller Anerkennnng. Da-
gegen ist es ihm bisher noch nicht gelungcn, mit einer
größeren selbständigen Arbeit einen unbestrittenen
Erfolg zn erzielen. Teils ist es Mangel an Ge-
schmack, ein zu starkes Betonen der vermeintlichen
Pointen, teils ein problematisches Übergreifen in das
mystische Gebiet des bisher noch nicht Dagewesenen,
noch nicht Erreichten, was den außerordentlich be-
gabten Künstler an der Ausreifnng hindert. Unter
den ausgestellten selbständigen Arbeiten ist der Ent-
wnrf zn einem Vorhang für Crefeld die bedentendste.
Ja sie würde in dieser Gattnng eine künstlerische
That darstellen, wenn das Mißverhältnis der bei der
Aussiihrnng ins Endlose wachsenden Figuren zum
umgebenden Raume nicht eben wieder die Grenzen
des gnten und sicher zngreifcnden Geschmacks be-
stimmten. Und im Ganzen verkleinern läßt sich die
Grnppe auch wiederum nicht, denn die Gewalt, die
ihr innewohnt, bernht gerade im Wesentlichen auf
diesem Mißverhültnis. Auch dürfte der imposante,
dem frenndlichen Eindruck eines kleinen Theaters viel
zu sehr entgegenstrebende Ernst der Farbenwirkung
bei Licht etwas Zwitterhaftes erhalten. So stellt sich
die Rechnnng bei fast allen bedeutenderen Arbeitery
die Kämpfer bis jetzt an die Öffentlichkeit gebracht
hat. Neben dem großen Wurf, der stark empfundenen
Jdee, dem echt künstlerischen Anlauf ein Versagen der
entscheidenden Mittel. Auch die Aguarelle nüt dem
für Kämpfer charakteristischen Titel: „Ein Hänfchen
Glück" — eine mit nackten Kindern nnter einem
blühenden Apfelbaum sitzende, antik gedachte jugend-
liche Mntter — zeigt die gleiche Qualität. Dagegen
gewinnt die Ausführung desselben Motivs in Blei
ein weit anziehenderes Gesicht. Diese Zeichnung ge-
hört zn den beiden Arbeiten, welche dem jungen
Künstler vor wenigen Tagen den nach mehrjähriger
Ruhe anf 3000 Mk. angewachsenen Preis der Abra-
ham Wetterschen Stiftnng eingetragen haben. Die
andere stellt den in der Höhle bei zwei Sklaven ver-
endenden Nero dar, der von den hereinstürmenden
Soldaten gesncht wird. Die Quelle für diese Schil-
derung ist nür im Augenblick nicht zugänglich. Aber
sollte der Künstler mit der historischen Wahrheit auch
etwas frei gewaltet haben, künstlerisch ist er seinem
Vorwurf mit historischer Gestaltungskraft gerecht ge-
wordeu. Die Zeichnung ist der erste bedeutende Schritt
zu einem großartigen Geschichtsbilde. Aber freilich
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