Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Kunstlitteratur und Kunsthandel.

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in geriiigerem Znhlverhältnis nnd fnr svlche Fnllc
gewählt werden, wo eine bestimmte fnrbige Wirkung
in den Vorbildern selbst erstrebt wnr.

Mainz. Friedrich Schncider.

Aunstlitteratur und Aunsthandel.

Liell, H. F. Jos., Die Darstellungen der aller-
seligsten Jungfran und Gottesgebärerin
Mnrin anf den Kunstdenkmälern der Katakomben.
Dogmen- nnd knnstgeschichtlich bearbeitet. Mit
6 Tafeln nnd 67 Abbildungen im Text. 8".
Freiburg it Br., Herder.

pohl, Otto, Die altchristliche Fresko- und
Mosaikmalerei. kl. 8^. Leipzig, I. C. Hin-
richssche Buchhandlung.

Das vielbesprochene Thema „Die Anfäiige der
christlichen Kunst" hat wiederum zwei neue Bücher
entstehen lnssen. So sehr verschieden wie inuner die
Behnndlung derjenigen Gebiete ist, bei denen kon-
sessionelle Fragen eine Rolle spielen nnd bei denen
es schwer ist, einen gemeinsamen neutraken Grnnd zn
finden, so verschieden ist anch die Anffnssung in diesen
beiden Schriften.

„Die Darstellungen der allerseligsten Jungfrau
und Gottesgebärerin Mnria rc." von Liell steht anf
dem Standpunkt des strengsten Katholicismus, während
Pohl in seiner „Altchristlichen Fresko- und Mosaik-
malerei" sich bemnht, den Gegenstand in einem mög-
lichst neutralen Licht zu betrachten. Liell eifert be-
sonders gegen die Schriften Viktor Schultze's und, wie
er selbst offen bekennt, ist sein Hauptziel, nachzuweisen,
daß der Marienkultus bereits vor dem Konzil zu
Ephesus 431 einen festen Sitz im alten Christentuni
gefunden hatte.

Jst für ein historisches Buch eine mit dem
Glauben so eng verflochtene Frage das Hanptmotiv,
so pstegen wir mit besonderem Argwvhn die Thnt-
sachen zu prüfen; ein unbefangener Leser wird auch
hier das Gefühl haben, als sei unter dem vielen
Material gerade das schwerwiegendste etwas mit Ge-
walt herbeigezogen.

Was die Betrachtung der einzelnen Monnmente
anbelangt, so scheint der Verfasser dieselben meist
gründlich an Ort und Stelle untersucht zu haben,
und liefert uns eine Reihe von selbstgezeichneten Ab-
bildnngen, in welchen nach seiner Aussage die Mängel
bisheriger Pnblikationen vermieden worden sind. Es
spielt jedoch bei ihm die Anslegung dieser Dar-
stellungen natürlich eine größere Rolle als die rein
knnsthistorische Vergleichung der Bilder. Er zieht das
ganze kirchlich-litterarische Material jener Jahrhunderte
zu diesem Zwecke herbei und betrachtet die Schriften
als die Quellen der künstlerischen Prodnktionen.

Daß die Gräber-Cyklcn, zusammengesetzt aus
Scenen des alten und neuen Testamentes, eine bild-
liche Wiedergabe der Grabliturgien sind, diese Dar-
legnng bildet ein Kapitel, welches er ganz und gar
Le Blant entlehnt, und gerade dieses ist aber anch
dasjenige, welches die meiste Glaubwürdigkeit für
sich in Anspruch nehmen kann. Ferner sncht er nns
zu beweisen, daß die Oranten die Seelen der Ver-
storbenen darstellen sollen, daß die Goldgläser sämt-
lich ihre Entstehnng der Zeit von 250 bis 400 ver-
danken, er führt uns die einzelnen Bilder mit Mariä
Verkündigung, Vermählung, Heimsuchnng, Gebnrt
Christi, Anbetung der drei Könige, der Reihe nach
vor Augen und legt manches anders ans, als bisher
geschehen. Das kunsthistorische Urteil des Verfassers
beschränkt sich auf die Worte „besser" und „schlechter".
Seine ästhetisch-philosophische Betrachtung gipfelt in
der Anffassnng des Madonnenideals, wie er es am
Schlusse des Buches ausführlich entwickelt. Doch nnr
der, der sich ganz der Strenge der katholischen Lehre
hingegeben, wird dies Jdeal auch zu dem seinen
machen können; er zwingt jede freie Kunst zur
Dienerin des Dogma's und stellt die Blüten italieni-
scher und nordischer Kunst dar als eine Anhänfung
schmählicher Verirrungen. Der Verfasser scheut sich
nicht, über Rubens und van Dyck mit dem Worte
„roh", über Michelangelo mit „nnanständig" abzn-
urteilen, bei der bolls jaräiniörs Raffaels von „voll-
endeter Unverschämtheit" zu reden, ihm erregt „ein
nackter Leib Abscheu und Ekel".

Ganz im Gegensatz dazu ist das Buch von Pohl
knapp nnd einfach, vermeidet die unnötige Länge vieler
moderner Bücher, giebt uns zuerst ein kurzes Ver-
zeichnis des Materials, Fresken und Mosaiken in
chronologischer Reihenfolge nnd sucht dann in den
Resultaten die Mitte zu halten zwischen der einen
Richtung, welche die bildlichen Darstellungen als eine
Jllnstration der Dogmatik auffaßt, und der andern,
für welche dieselbe uur eine geistlose Nachahmung
der Antike bilden. Jhm sind die ersten Jahrhunderte
noch eine Zeit der Volkskunst, welche die Wunder
des alten Testaments und die Thaten Christi und
seiner Jünger betont, um ein Gegengewicht zu be-
sitzen gegen die mythologischen Gestalten der Antike.
Jn den Formen aber geht sie mit dieser noch Haud
iu Haud. Erst irn fünften Jahrhundert tritt das
Dogma in den Vordergrund, aus der Volkskunst wird
eine Kirchenlunst, das Spielende der Formen ver-
liert sich und macht einer gewichtigeren greisenhaften
Anffassung Platz.

Pohls Buch bringt keine Jllustrationen, nimmt
nur den vierten Teil des Raumes eiu, wie das zu-
erst besprochene Werk, beleuchtet aber doch seiuen
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