Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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John Webber und die Erfindung der Lithvgraphie.

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der Titel der betreffenden Werke sehr dankbar sein,
indem ich eifrigst nach allem suche, was auf diese
Dinge Bezug hat Von E. Tudot, dessen Werke nicht
„anfangs dieses Jahrhunderts" sondern 1833 und
1834 erschienen, sei noch bemerkt, daß Engelmann
seiner UssLrixtion, obgleich er anerkennt, daß das
Buch einige gnte Gedanken enthalte, „zahlreiche Jrr-
tümer" vorwirft.

Um über Herrn Königs Behauptung sich klar
zn werden, daß bei dem sott-Zronnä-Verfahren, wie
ich es beschrieben habe, „die ganze Ätzung komplett
unverständlich gekomnien iväre", — denn das ist doch
wohl, trotz dem vorhergehenden „nicht", der Sinn des
nnklaren Passns in Sp- 396, — mag der Leser ein-
fach die Proben ansehen, welche Lalanne in seinern
leicht zugänglichen Iraits, Taf. 6, gegeben hat.

Die Krone wird aber dem Ganzen aufgesetzt
durch die detaillierte Beschreibnng des Verfahrens,
Sp. 397 nnd 398, Welches Webber zur Ausführung
seiner „Lithographien" benutzt haben soll. Angenom-
mcn, daß diese Beschreibnng richtig sei, so könnte
überhaupt von „Umdruck" gar keine Rede mehr sein.
Nach Herrn Königs Brief an mich, laut oben citirter
Stelle, führte Webber seine Zeichnungen auf einem
Reißbrett aus. Nach der neueren Darlegung, Sp. 397,
geschah dies hingegen auf dem Stein, auf welchem
er das mit fettiger Farbe getränkte Stück Taffet „in
strammer Spannung mit Gummi" befestigt hatte. Es
würde sich hier also nm eine besondere Art und Weise,
eine Zeichnung auf Stein auszuführen, handeln, nicht
im entferntesten aber nm „Umdruck". Jn welchem
Zustande der Stein sich befunden haben müßte, nach-
dem das nnt Farbe gesättigte Stück Taffet tagelang
fest darauf gespanut gewesen war, sei nur beiläufig er-
wähnt. Daß „ein ähnliches Verfahren" in dem Werke
Staparts empfohlen sei, wenn auch in noch so primi-
tiver Art, ist unrichtig. Jm übrigen aber handelt es
sich bei Stapart um Kupfer und nicht um Stein.

Endlich wirft mir Herr König vor, ich habe ge-
urteilt, ohne die Blätter in seinem Besitze gesehen zu
haben. Allerdings, aber seine eingehende Beschreibung
genügte eben, um seine eigene Hypothese umzustoßen.
Er selbst hingegen schloß aus Zeichnungen auf die
Existenz von Lithographien, die er nie gesehen
hatte. Zwar verweist er jetzt auf sechzehn Blätter
in der Albertina, aber iu seinem Briefe, datirt
23. Juni 1887, versichert er: „keine, selbst der grö-
ßeren Staatssammlungen und Hofkabinete, besitzen
etwas von ihm, so daß selbst die von Meusel so hoch
gepriesenen zwei Blätter auf unserem Kontinent ganz
unbekannt sind". Die Bemerkung, die Herr König
an die Mitteilung betreffeud die Blätter in der Al-
bertina knüpft, ist freilich wiederum derart, daß eiuem

die Lust vergeht, sich auf eine weitere Besprechung
einzulassen. Diese Blätter sollen „nach dem von
Stapart 1778 herausgegebenen Werkchen „H'ark ä
Zruvsr sn suivrs avso ls pinosall" — die Kunst
mit dem Pinsel in Kupfer zu stechen — mit mehreren
Steinen in Tusch- und Sepiatönen geistvoll, kühn und
fein lavirt" sein. Die Stapartsche „Kunst mit dem
Pinsel in Kupfer zu stechen" ist aber weiter nichts
als ein Aufrauhen der Platte, in den Helleren Tönen
durch direkte Einwirkung von Ätzmitteln auf das
bloße Kupfer, in den dnnkleren mittelst Anwendung
eines durchlöcherten Grnndes, ist also auf Stein gar
nicht anwendbar. Daß hier auch noch Webber so
nebenher zum ersten Tondrncker gestempelt wird, darf
nach allem, was vorhergegangen ist, kaum wunder
nehmeu.

Jch habe in der That die Blätter selbst heute
noch nicht gesehen, trotz wiederholter Bemühungen.
Aber ein Resnltat haben diese Bemühungen doch ge-
habt. Da es sich von selbst versteht, daß Webbers
Arbeiten, wenn irgend wo, ini British Print Room
zu finden sein müssen, so schrieb ich deswegen an
Herrn Professor Sidneh Colvin, den Vorstand dieses
Jnstitnts, und von ihm erhielt ich folgende Antwort:
— „John Webber veröffentlichte im Jahre 1788 einc
Folge von Radirnngen, qner Folio, als Jllustratio-
nen zu Cooks letzter Reise. Die grvße Mehrzahl
derselben ist,,sokt-gioullä"-Radirung, von dem Künst-
ler selbst zur Veröffentlichung mit der Hand getvnt.
Dieses Tonen (Imnä-tilltillZ) geschah auf zweierlei
Art, nm dem Geschmacke der verschiedenen Käufer zu
frönen, nämlich in Sepia und Tnsche oder in Farbe.
Einige der Blätter wurden aber nicht auf diese Weise
ausgeführt, sondern sind Radirnngen der gewöhn-
lichen Art auf hartem Grund. Bei diesen werden
die Sepia- nnd Tuschtöne durch Aquatint ersetzt, und
zwar wurde die Aquatintirung von M. C. Prestel
(wäre also Maria Katharina Prestel, die Frau des
Johann Gottlieb) besorgt. Außer dieser Folge sind
noch ein oder zwei andere „8o1t-Arollnä"-Radirnngeu
von der Hand Webbers vorhanden, aber absolnt nichts
in der Art der Lithographie. Ilnd wie wäre das auch
möglich?"

Diese Versicherung des Herrn Prof. Colvin sollte
wohl genügen, die Sache zu entscheiden, denu seine
Schlußbemerkung ist keineswegs eine pstitio xrinoipü,
wie man vielleicht meinen möchte, sondern einfach die
notwendige Folgerung, die aus der Kenntnis der 11m-
stände fließt, welche allein die Erfinduug der Litho-
graphie möglich machten und auf die hier näher ein-
zugehen nicht nötig ist. Daß von eiuer blinden Par-
teinahme für Senefelder weder bei Herrn Colvin,
noch bei mir, die Rede seiu kann, braucht eben-
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