Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Todessälle. — Preisbewerbungen. — Sammlnngen nnd Ausstellnngen.

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glücklich vermieden. Die malerische Haltung mußte
uotweudig zu einer griißeren Weichheit dcr Formen
führen; doch fehlt es der Wiedergabe weder an Kraft
noch an Lebendigkeit. Und da auch der schwierige
Druck der Platte, von Hartmann L Beck in Düssel-
dorf ausgeführt, trefflich gelnngen ist, so dürfen wir
das Werk Stangs in jeder Hinsicht als ein ausgezeich-
netes, der größten Teilnahme und des reichsten Bei-
falles würdiges begrüßen.

Viele Leser werden gern über die anßeren Schick-
sale des Meisters etwas Näheres wissen wollen. Rudolf
Stang ist 1831 in Düsseldorf geboren und trat, nach-
dcm er eine kurze Zeit in einer lithographischen
Werkstatt gearbeitet, im vierzehnten Jahre in die Aka-
dcmie cin! Unter der Leitnug Joseph Kellers machte
er seine ersten Stndien im Kupferstechen und konnte
bereits im sechzehnteu Jahre von dem Vereine zur
Verbreitnng religiöser Bilder in Düsseldorf mit Auf-
trägen versorgt werden. Die ersten größeren Plattcn
stach er nach der licblichen Madvnna nnd ciner Freske
anf Schloß Stvlzeufels von Deger, welchen Arbeiten
mehrcre Goethegestaltcn nach Kaulbach folgten. Die
Meisterschaft erwarb er sich durch den Stich nach
Raffaels 8xo8g.IiUc> 1871, worauf er sofort an die
Vorarbeiten für Leonardo's Abendmahl ging. Vor
vicr Jahren empfing er einen Ruf an die Kunst-
akadcmie in Amsterdam, wo er seitdem erfolgreich
wirkt und besonders um die Wiedcrbelcbung der Radir-
knnst große Verdienste sich erworben hat. Möchte
dem bescheidenen, in aller Stille energisch und kühn
schaffenden Meister noch recht lange die sichere Hand,
das klare Ange, die feine Knnstempfindung erhalten
bleiben. Düsseldorf darf stolz sein nnf sein Kind, die
ganze deutsche Knnstwelt nnt ihm. Der Frende, daß
wieder eimnal im Fache des Kupferstiches ein gedie-
genes, groß angelegtes und glänzend ausgeführtes,
wahrhaft monnmentales Werk geschaffen wurde, wird
hoffentlich in tveitcn Kreisen cin kräftiger Llusdruck
gegeben wcrden.

Anton Springer.

Todesfälle.

O Dcr Porträtmaler Adolf Iebcns, sin Schülsr der
Berlinsr Akadenüe und vvn Delaroche in Paris, ist am
8. Mai zu Berlin im 69. Lebensjcchre gestorben. Er war
Milglisd der Kaiserlichen Akadeinie in St. Petersbnrn.

^ Der Dircktor dcr schöncn Knnitc in Paris, Castag-
»ary, welcher sich anch als Kunstschriftsteller bckannt gemacht
hat, ist am II. Mai gestorben.

jpreisbewerbungen.

Der Wettbcwerb um den großen Staatspreis für
Geschichtsmaler an dcr Berliner Kunstakadcinic ist, wie die
„Bvssischs Zeitung" mitteilt, anch in diesem Jcchre wieder
ebenso erfolglos verlaufen wie die beiden letzten Male. Die
fünf Teiluehmer, welche die Vorprüfung glücklich überwundeu
hatten, sind an der Hauptarbeit gescheitert. Die Senats-

kvmmission hat beschlossen, keinen einzigen der Bewerber zur
l Tlusführung des Gemcildes zuzulassen. Das diesjährige
I Thema laütete: „Odhsssus vor Nausikaa". Der eine der
Teilnehmer ist bereits Lehrer an einer Hvchschule. Die
„Pvst" bemerkt zu dieser unerfreulichen Erscheinung: „Sollte
die Ursache dieser wiederholten Mißerfolge nicht an der ge-
stellten ?lufgabe liegen? Weit entfsrnt, die klassische Bildüng
zu unterschätzen, sehen wir gleichwohl die Notwendigkeit nicht
ein, daß unsere Akademiker und Kunsijünger immer wieder
mit Aufgaben geplagt werden, welche ihrem Empfinden und
Denkens ja der gesamten Kunstanschauung der Gegenwart
Vvllig fern liegen. Man ist so sehr geneigt, jetzt überall —
mit Recht — ben nationalen Standpunkt zu betonen. Solltc
die Aufgabe für die Bewerber um den großen Staatspreis
allein über diescn Standpunkt erhaben sein? Die Akademic
ist seit 1870 zweimal reoraanisirt worden. Wann wird diescr
Zopf fallen?"

5ammlungeii uud Ausstellungen.

s Iubiläuiiis-Gcwerbcausstellimg in Wien. Die vom
niederösterreichischen Gewerbeverein ins Leben gerufene Aus-
stellung, welche aus Anlaß der Jubiläumsfeier Kaiser Franz
Josephs I. in der Praterrotunde stattfindet, wurde im Bei-
sein des Monarchen und des ganzen Hofes am 14. d. M.
mit festlichem Gepränge und iu Gegenwart cines massenhaft
herbeigeströmten Publikums ervffnet. Die Ausstellung ver-
einigt alle Zweige dcr großen Jndustrie, der Kunstindustrie
und des Kleingewerbes in reichhaltigster Vertretung und ge-
wührt von der Entwickelung und dein hohen Stande der ge-
werblichen Thätigkeit in Wien ein wahrhaft glünzendes Bild.
Besondere Abteilungeu sind dem technifchen und gewerblichen
Unterrichtswesen gewidmst. Ein spezielles Jnterüsse gewährt
n. a. der von der Stadt errrichtete Pavillon, in welchem die
riesigen Dimensionen der Stadterweiterung Wiens kartv-
graphisch ersichtlich gemacht sind. Auf alles wichtige Detail
kommen wir zurück.

— KunsthistorischeAnsstellung in Salzburg. JmKünstler-
hause zu Salzburg veranstaltet der dortige Kuustverein zur
Feier des 40jührigen Regierungs-Jubiläums des Kaisers
Franz Joseph in der Zeit vom l. Juli bis lS. September
eine kunsthistorische Ausstellung, welche die im Lande und
der Stadt Salzburg nvch vorfindlichen Gegenstttnde der
Kunst und des Kunstgewerbes vergangener Jahrhunderte
umfassen soll. Bei dem großen Reichtüme, den Salzburg
namentlich in seinen Kirchen und Klöstern an wertvollen
alten Kunstwerken bssitzt, lüßt sich diessm Uuternehmen jetzt
schon ein gutes Prognostikon stcllen, umsomehr als, wie wir
hören, sich dasselbc der Gunst der hohen Geistlichkeit, des
Unterrichtsministeriuiiis und der Landesregierung zu er-
freuen hat.

—n. Aus Leipzig. Jn dem Oberlichtsaale des Kunst-
vereins hatte kürzlich der hier viclfach beschäftigte Architekt
Conrad Weichardt eine große Anzahl Aquarellen, meist
Früchte seines letzten, durch Gesundheitsrücksichten gebotenen
Llufenthalts in Jtalien, zur Schau gebracht, die den Künstler
in seiner Eigenschast als Bedutenmaler in der vorteilhaftesten
Wcise kennen lehrten. Neben einer Anzahl architektonischer
Prvspekte, unter denen eine Ansicht des Konstantinsbogens
(für das Museum angekauft) und des Theaters von Taor-
inina besonders hervorgehoben zu werden verdienen. sah man
nuch rein landschaftliche Motive von großer Feinheit in der
perspektivischen Zeichnung wie in der Wiedergabe der Licht-
und Lufterscheinungen des südlichen Himmels, dabei flott
und srei hingeschrieben, wie der Augenblick das Bild vor
dem Auge des Künstlers erscheinen ließ. Kein Wunder, daß
manche dieser Blätter alsbald ihre Liebhaber fanden ! Neben
solchen rein malerischen Schöpfungen hatte Weichardt auch
eiue Anzahl architektonischer Entwürfe von zum Teil aus-
geführten Landhäusern, städtischen Wohngebäuden und Mo-
numentalbauten ausgestellt, so daß sich annühernd Umfang
und Grenze seines Talents ermessen ließ. Offenbar bildet
der Villenbau mit der freicren Anordnung vor- und zurück-
springender Bauteile die Stärke seiner Kunst, während bei
deu eine strengere Bshandlung erfordernden städtischen
Fassaden eine gewisse Trockenheit der Conception auffällt.
Der Maler in ihm überwiegt weitaus den Architekten und
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