Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Velgische Ausstellungen.

dem pietätvollen Gedächtnis an die beiden hervor-
ragenden Künstler Belgiens gewidmet, die im letzten
Jahre, der eine in Antwerpen, der andere in Brüssel,
verstarben, Nicaise de Kehser und Lonis Gallait.
Es weht dem unvorbereitet Eintretenden ein alter-
tümlicher Hanch aus diesen Rnnmen entgegen. Wir
sind in unserem Urteil vielleicht nndanlbar gegen die
wackeren Meister, die sür unsere moderne Kunst so
viel bedeuteten, aber es ist nun einmal nicht zn
leugnen, daß wir uns merkwürdig rasch und gründ-
lich von ihrer künstlerischen Anschauungsweise entfernt
haben. Diese Bilder, die zum Teil erst vor wenigen
Jahren gemalt wnrden, liegen uns serner als man-
cher alte Niederländer, der seit drittehalb Jahrhun-
derten von einer Galerie in die andere gewandert ist.
Es liegt hier über allen Gestalten und Scenen, selbst
den grausigen, der Schleier einer milden Verschöne-
rung, der es verhindert, daß wir von ihnen unmittel-
bar gepackt werden. Wenn ein geistreicher Knnstfreund
einst vor einem Porträt des Velazquez ansrief: „Ja,
wo ist denn hier das Bild?", so kann man hier manch-
mal umgekehrt fragen: „Wo ist denn hier der Mensch?"
Aber immerhin müssen wir der Begabung und der Ge-
wisseuhaftigkeit eines Gallait und de Keyser gerecht wer-
den und anerkennen, daß sie in ihrer Weise das Höchste
geleistet haben. Jn ihren sorgfältig, vielleicht zu sorg-
fältig gemalten Bildern steckt doch oft mehr wirkliche
Genialität als in den „genial hingehauenen" Werken
moderner Jmprovisatoren. — Der Saal de Keysers
ist angefüllt mit den Erzeugnissen seiner letzten
Jahre, einer Reihe von spanischen Genrebildern, den
Früchten eines Aufenthaltes in Sevilla in den Jahren
1880 und 1881. Die größten von ihnen stellen
eine „Karfreitagsprozession in Sevilla" und eine
Znschauergruppe aus dem Stiergefecht — iZravo toro!
— dar. Der augrenzende Saal enthält neben einer
Menge vonEntwürfen zu Gallaits grvßeren Bildern
als Haupt- und Prunkstück den „äsrnisr lioinmg.As
rsnäu anx oomtss ä'llZinont st Hoorn", d. h. den
letzten Gruß vor ihren aufgebahrten Leichen. Außer-
dem finden wir hier eine Reihe trefflicher Portrüts;
man mvchte freilich schwören, daß diese Damen und
Herren nicht alle so liebenswnrdig waren, wie sie
hier aussehen. Jmmerhin hat man beim Verlassen
dieser Räume das befriedigende Gefühl, nur gut ge-
malte Bilder gesehen zu haben. Das hvrt nun aller-
dings in den Sälen der modernen belgischen Kunst
bald auf. Man kann im Gegenteil behaupten, daß
hier wirklich hervorragende Bilder gar nicht uud gute
nur in spärlicher Anzahl vorhauden sind. Die be-
deutendsten belgischen Künstler der Gegenwart sind
sehr schwach vertreten. Jan van Beers hat aus
seinen Ateliers nnr drei Bildchen neuesten Datums

ausgestellt, eine kokette kleine Schlittschuhläuferin, die
ihr Gesicht hinter dem vorgehaltenen Muff versteckt,
ein skizzenhaftes Porträt Sarah Bernhardts, und
einen Kavalier im Kostüm Louis XIII., dessen herr-
licher Spitzenkragen die laute Bewunderung der weib-
lichen Kunstkenner erregte, — alle drei in ihrer Weise
pikant und mit einer etwas ausdringlichen technischen
Bravonr gearbeitet.

Überhaupt kann man sich an den Genrebildern
noch am meisten erfreuen. Die Stoffe derselben sind
ja in der Regel so wenig neu, wie die der lyrischen
Gedichte, aber jeder läßt sich gewiß gern von Lson
Brunin die alte Geschichte von dem „Ilbs äs 8t.
Uartin" des verliebten Greises noch einmal erzählen.
Anßer den gewissenhaft gemalten Bildern Brnnins
waren etwa noch eine köstliche Gruppe alter Spital-
weiber von Leo van Aken und ein paar ländliche
Scenen von Josef van Leemputten rühmend her-
vorzuheben. Bilder größeren Stiles fehlen so gut
wie gänzlich; nur drei Reduktionen größerer Gemälde
mit Scenen aus der Antwerpener Geschichte, die Karel
Oans und van der Ouderaa für das Gerichtshans
in Antwerpen malen, könnte man hier anführen. Be-
sonders letzterer zeichnet sich, wie es scheint, durch
das Studinm der alten Niederländer, wie Rogiers,
durch eine scharfe Charakteristik seiner Personen aus.
Louis Maeterlinck hat einige feine Porträts ausge-
stellt. — Die Landschaftsmalerei tritt, wie überhaupt
auf der Ausstellung, entschieden zurück. Eine stim-
mnngsvolle Sommernacht in der flandrischen Niede-
rung von Aug. Musin und zwei Antwerpener Stadt-
ansichten von Henri Schaefels fielen mir besonders
auf. — Es wäre freilich fehr viel leichter, eine Blüten-
lese der schlechten als der gnten Bilder zusammen-
znstellen, doch wollen wir lieber von ihnen schweigen
und nns nnseren deutschen Landsleuten zuwenden, die
in drei Sälen ihr Qnartier aufgeschlagen haben.

Da feieru wir manches Wiedersehen! Unter den
bemerkenswerten Bildern sind uns nur wenige unbe-
kannt, nnd die besten sind eigentlich die von der Ber-
liner Nationalgalerie herübergesandten: „Die Frei-
willigen von 1813" von Scholtz, die meisterhaften
Porträts Ludwig Richters und Ranke's von Pohle
nnd Schrader, der Amsterdamer Antiguar von
Meyerheim. Die Mehrzahl oder doch ein großer
Teil der Gemälde sind alte Ausstellungshabitus's,
die, nachdem sie, vergeblich einen Känfer suchend,
Deutschland durchirrt haben, nunmehr hier in der
Fremde eingekehrt sind. Viel lieber hätten wir unsere
bedeutendsten gegenwürtigen Künstler in einigen, wenn
anch noch so bekannten, Werken begrüßt; aber es sind
fast alle ausgeblieben! Kaum, daß die beiden Achen-
bacb fünf Bilder hergeschickt hatten, und das will
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