Kunstchronik: Wochenschrift für Kunst und Kunstgewerbe — 23.1888

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Die akademische Kunstausstellmig in Berlin.

lassung geboten, sich einmal mit den Spezialisten der
Gebirgsmalerei zu messen, und dieser Wetteifer ist zu
seinem Vorteil ansgeschlagen, indem er aus dem Na-
turobjekt, in Erinnernng an die von Franz Dreber
empfangenen Eindrücke, eine Landschaft in heroischem
oder historischem Stile herausgedichtet hat, welche einen
ernsten Jnhalt noch dadurch gewinnt, daß im Vorder-
grunde der am Rande einer Sandgrube sitzende Ver-
sucher dem in abweisender Haltung vor ihm stehenden
Heiland einen Stein zur Berwandlnng darreicht. Der
Charakter der Landschaft hat dem ausgezeichneten Ko-
loristen eine Zurückhaltnng auferlegt, welche nicht in
seinem Temperamente liegt. Jm Gegensatz dazu hat
er in zwei Stillleben zur Dekoration eines Speisesaales
ein Farbenconeert veranstaltet, in welchem alle Jn-
strumente torts spielen, ohne daß dadurch ein Miß-
klang in der berauschenden Gesamtwirkung entsteht.
Ernst Körner weiß aus der Fülle von Stndien,
wclche er von seiner letzten ägyptischen Reise heimge-
bracht, immer neue Motive von ungewöhnlich fesseln-
dem Reiz zu gewinnen. Die graugelbe Sandwüste
des Assassifthals bei Theben, dessen Sohle von labh-
rinthischen Katakomben unterwühlt ist, hat einem kolori-
stischen Darstellnngsvermögen von solcher Universali-
tät anscheinend nicht die geringsten Schwierigkeitcn
bereitet, und noch mehr ist die Schärfe des Blicks zn
bewundern, welcher bei greller Sonnenbelenchtung
aus einer nnabsehbaren Wüste von Sand, Fels- und
Steintrümmern feine Abstufungen des Tons heraus-
zulesen weiß, dnrch welche das Abgestorbenc ncnes
Leben empfängt.

Einer großen Gnnst erfreut sich zur Zeit dic
Marinemalerei in Berlin, und diese Stimmnng hat
auch in der Verleihung der großen goldenen Medaille
an Karl Saltzmann ihren Ausdruck gefunden. Wenn
an seinem großen Seestück, „die Korvette Prinz Adal-
bert im Stillen Ozean", anch die Bravonr in der breiten
koloristischen Behandlung nnd der Glanz des Tons
anzuerkennen sind, so hat doch das Wasser auf seinen
Bildern, auch auf diesen, znmeist etwas Starres nnd
Regungsloses. Um wie viel lebendiger, überzeugen-
der und grandioser hat Eugen Dücker in seinem
„Abend am Meer" die majestätische Bewegung einer
gewaltigen, sich dem Strande znwälzenden Woge ge-
schildert, und selbst Hermann Eschke, dessen rast-
lose Produktivität bisweilen anch in das Fahrwasser
des Handwerksmäßigen gerät, hat auf drei kleinen
Marinen vom Nordkap (einer Darstellnng des merk-
würdigen Vogelfelsens Hjelmsoe) und von den Lofoten
nngleich mehr Leben und Bewegung entfaltet als sein
schnell berühmt gewordener Schüler.

Noch eine andere Spezialität der Landschafts-
malerei, die Flnßnferlandschast, ist dnrch KarlRahtjen

in Berlin (ein Motiv von Wedel bei Hamburg „nach
dem Regen") und August Schaeffer in Wien (eine
Partie von der March nnt einer Büffelherde zur
Abendzeit) so glänzend vertreten, daß das Gesamt-
bild dieses Zweiges der Malerei, trotzdem uns wenig
oder gar nichts Neues geboten wird, ein ungemein
befriedigendes ist. Jn vollem Gegensatz dazu ist die
Ausbeute, welche nns ein Überblick über die Genre-
malerei gewährt, eine äußerst dürftige. Hier ist denn
doch durch das Ausbleiben der Münchener nnd der
ersten Düsseldorfer Meister eine sehr fühlbare Lückc
entstanden, für welche nur diejenigen Ersatz finden,
die in der Sammlnng von abschreckend häßlichen
Weibern, welche Max Licbermann unter dem Titel
„Konserveumacherinnen" ausgestellt hat, den höchsten
Triumph rücksichtsloser Wahrheit erblicken. Auf minder
fortgeschrittene Kunstfreunde werden der Besuch eines
vornehmen Ehepaars zu Pferde in einem Zigeuner-
lager im Walde von Paul Meyerheim, der sich
hier in der Charakteristik des fahrenden Bolks wie
in der Modeüirnng der Körper und in der koloristi-
schen Behandlung als nicht ungeschickten Nachahmer
von L. Knans erweist, nnd die prächtige Hnmoreske
„Ein Liebesmahl" in einem Offizierskasino von3kvbert
Warthmüller viel anziehender wirken. Letzteres
ist das populärste Bild der Ausstellung geworden,
nnd es hat diese Ehre nicht bloß durch die glückliche
Wahl des Stoffs und die humorvolle Charakteri-
stik der beim Nachtisch von heiterster Stimmnng be-
herrschten Ofsiziere eines Jnfanterieregiments, welche
den von einem Kameraden von der Kavallerie znm
besten gegebenen Schnurren lauschen, sondern auch
dnrch die glänzende, namentlich in der Wiedergabe
der von Tabaksdampf erfüllten, von der Sonne durch-
leuchtcten Luft ansgezeichnete malerische Darstellung
verdient, welche alles weit hinter sich läßt, was jemals
die Schule A. v. Werners, den Meister mit inbegrisfen,
anf koloristischem Gebiete geleistet hat.

Wenn man von dem Gipsmodell zur Statne
Grillparzers für Wien von Karl Kundmanii ab-
sieht, in welcher sich Monumentalität der Erscheinung
mit feiner Beseelung des Antlitzes nnd gefälligem
Arrangement der Gewandpartien glücklich verbindet,
so ist die plastische Abteilung fast nur von Berliner
Bildhauern beschickt worden, welche bekanntlich in
zwei Lager geteilt sind. Neben der älteren, von
Rauch abhängigen Richtnng gewinnt die neuere, welche
in R. Begas ihr Haupt verehrt, mehr und mehr an
Boden. Aber in dem Grade, wie sie sich ausbreitet,
wächst auch, wie rühniend anerkannt werden muß, ihre
Besonnenheit und ihr Streben nach maßvoller Formen-
behandlnng. Diese Erscheinnng tritt ganz besonders
erfrenlich in einer auf einem Lehnsessel ruhenden
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